Am Kämpfen gehindert

Annemarie Schwarzenbach: Das Wunder des Baums. Zürich: Chronos, 2011.

Annemarie Schwarzenbach reiste in den Kongo, um für eine humanere Welt zu kämpfen. Zurückgekehrt ist sie mit ihrem letzten Roman «Das Wunder des Baums», der nichts sagt über den Zweiten Weltkrieg in Afrika und über die Kämpfe des Freien Frankreichs. Über die Kongogreuel am Ende des 19. Jahrhunderts – die Kinderkolonien, die abgehackten Hände, die zehn Millionen getöteten Kongolesen –, auch darüber verliert sie kein Wort. Was also ist passiert?

Am 18. Juni 1940 streitet sich Annemarie mit ihrer Freundin Margot von Opel in einem amerikanischen Kaff herum, als General de Gaulle mit Augenringen, aber ordentlich gescheiteltem Haar und tadellos sitzender Uniform vor das Mikrofon der BBC tritt. Mit fester Stimme ruft er dem besetzten Frankreich zu: «Was auch immer geschehen mag, die Flamme des französischen Widerstandes darf nicht erlöschen.» Erst im April 1941, nach einem desaströsen Amerikaaufenthalt mit Suizidversuchen und Zwangseinlieferungen, folgt die Aufbruchsüchtige de Gaulles Appell – sie will sich dem France Libre in Brazzaville anschliessen. Doch weder im französischen noch im belgischen Teil des Kongos wird die Schweizerin mit französischem Pass freudig empfangen. Der Spionage verdächtigt, kann sie ihre politischen Kämpfe nicht fechten. Also schreibt Annemarie Schwarzenbach «Das Wunder des Baums», ein undurchsichtiges Psychogramm – von fiebrigen Selbstgesprächen durchzogen. Sie macht aus sich den jungen Schweizer Marc, lässt ihn mystische Naturerfahrungen machen, setzt ihn Verdächtigungen der Militärbehörde aus, plagt ihn mit den Schreien der Kranken in der «Klinik» und zwingt ihn in die Abhängigkeit
einer Beziehung, ehe sie den Engel der Erlösung endlich über die letzten Seiten schreiten lässt.

Bei der Ausreise kämpft Annemarie erfolgreich gegen die Zensur ihres Typoskripts und schreibt, nun wieder in der Schweiz, ihrer Mutter: «Mameli, Du musst mein Buch lesen, da steht alles drin.» Sie meint damit keinen politischen Subtext, sondern eine Erklärung ihres Innersten. Denn der Roman liefert vor allem eines: einen neuen Blick auf das Universum dieser aussergewöhnlichen Frau, deren Leben schillernder und schliesslich auch bedeutender ist, als ihre Romane es sind.