André Winter:
«Die schöne Unbekannte»

 

Diese Kulissen: Venedig, Barcelona, Wien. Diese Hotels: ­Excelsior, Imperial, Ritz. Diese Drinks: Sherry, Whiskey, Co­gnac. Diese Speisen: Rinderlendchen, Hummerravioli, Meeresfrüchte-Carpaccio. Diese Meisterwerke: Tizian, Matisse, Sargent.

Willkommen in der Welt der schönen und reichen Kunstsammler, Kunstkriminellen und Kunstdetektive! Kurz: Willkommen in der High Society. Isabelle Silva, ihres Zeichens Kunstdetektivin, ist zusammen mit ihrem grand père – einer exzentrischen Kunsthistoriker-Legende – angetreten, den Kunstfälschern und Kunsträubern dieser Welt das Handwerk zu legen. Ihr Job ist, wie wir erfahren, «abwechslungsreich, aufregend, ja oft genug richtig spannend». Die Anfrage des Kunstsammlers Andrew Palmer (George Clooney meets Herkules!) mag daher zunächst langweilig wirken: Isabelle soll ein bisher unbekanntes Porträt von John ­Singer Sargent in Wien ersteigern. Immerhin könnte es eine Fälschung sein, denkt sie, doch die Verwicklungen, auch amouröser Art, die sich in der Folge entspinnen, bringen Isabelle an die ­Grenze ihrer detektivischen Belastungsfähigkeit.

Nun, klar, Isabelle verliebt sich in Andrew Palmer, dieser ist aber in eine Frau verliebt, die der Gemalten auf dem Sargent-Porträt zum Verwechseln ähnlich sieht. Dann gibt es noch eine kriminell agierende Grossgalerie, deren ausführender Arm ein hochattraktives It-Girl ist, mit der Palmer (übrigens der verstossene Sohn des Grossgaleriebesitzers) auch schon mal in der Kiste war – und mit der Isabelle ohnehin offene Rechnungen hat.

André Winter zieht aus diesem begrenzten Figurenensem­ble alles heraus, was an Verwicklungen möglich ist, leider aber auch das poetische Leben aus Figuren und Plot. Die Städtekulissen samt Personal erstarren zu klischeehaften ­tableaux vivants: Alle sind immer reich, alle sehen immer gut aus, alles schmeckt immer gut, alles ist immer schön; nur ist Schönheit in diesem Roman ein sehr ausgebeulter ­Begriff. Nächtliche Verfolgungsszenen werden mit hochgeschlagenen Mantelkrägen absolviert, Sexszenen mit flammenden Küssen und kühnen Vorstössen «bis auf den Grund des Fleisches».

Das ist alles zu viel. Und zu viel ist auch der immerzu in ­Referenzen schwelgende, Gefühle, Namen, Orte und Marken raunende Erzähler, der den Leser schier erdrückt: «Hatte sie Angst? Ein bisschen schon, wenn sie ehrlich war.» Es mag allerdings Leseaugenblicke geben, in denen es genau ein solches Buch braucht: Man liegt wie Isabelle Silva nach erfolgreich ­getanem Job erschöpft in der Badewanne, es duftet nach Tuberosen, das Wasser zeigt ein «unglaubliches Blau». Man hat traurigsten Jazz aufgelegt und fängt an zu blättern. Nur muss man sich beeilen, weil das Badewasser so rasch abkühlt. Und kaltes Badewasser mag (auch) die Hauptfigur dieses Romans überhaupt nicht.

André Winter: Die schöne Unbekannte. München und Wien: Thiele, 2013.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»