Silvia Tschui:
«Jakobs Ross»

 

Ein erster Blick ins Buch löst Befremden aus. Einem solchen – wie es im Klappentext heisst – «im deftigen Dialekt gefärbten Text» begegnet man – vor allem in Deutschland – nicht alle Tage. Es braucht ein paar Seiten, bis man sich an diese verschriftlichte (Kunst-)Mundart gewöhnt hat, und demnach ist «Jakobs Ross», das Debüt der Schriftstellerin Silvia Tschui, auch kein Buch, das man schnell aus der Tasche zieht, wenn es noch zwei Minuten Wartezeit an der Bahnhaltestelle zu überbrücken gilt.

Hat man die Dialekthürde aber erst einmal genommen, taucht man ein in eine Lebensrealität, die fernab der unsrigen liegt: Beschrieben wird der Lebensweg einer jungen Magd, Elsie, zur Mitte des 19. Jahrhunderts, deren magisch schöne Stimme Gesinde und Herrschaft des Hauses, in dem sie tätig ist, gleichermassen fasziniert. Eines Tages setzt sich die Tochter der Herrschaften in den Kopf, dieses Talent nicht brachliegen zu lassen, und bittet ihren Vater um eine Förderung Elsies. Bis hier liest sich der Text wie eine märchenhafte Aufstiegsgeschichte, dann aber schwängert der Hausherr die naive Elsie, verheiratet sie mit dem Rossknecht Jakob und gibt den beiden eine wenig ertragreiche Pacht zur Mitgift. ­Elsie – enttäuscht von der «Hochzig» – ergibt sich ihrem Schicksal, und so wird der Leser mitgenommen in eine Welt, die so «deftig» ist wie die Sprache, in der sie beschrieben wird. Auf dem beschwerlichen Weg zur Pacht in den Bergen lässt Elsie die Reste eines ­Lebens als Hausangestellte im bürgerlichen Umfeld hinter sich: Das mitgenommene Porzellan zerbricht, das Hochzeitskleid verdreckt und zerreisst. Spätestens bei der ernüchternden Ankunft der beiden im neuen Heim zeigen sich ein Umgangston und eine Sprache zwischen den beiden frisch Vermählten, die an Rauheit und Einsilbigkeit kaum zu überbieten sind. Nur ihre wundervolle Stimme begleitet die junge Frau in ihr neues, karges Dasein, wo jene so fremd wirkt wie zuvor einzigartig. Als in Elsies Leben nun noch ein Fahrender auftaucht, mit dem sie bald eine heimliche Liebschaft eingeht, ist bereits klar: Gut ausgehen wird das nicht. Auch dieses Glück findet ein jähes und brutales Ende. Und der Text wandelt sich ins Magische: Von einem geheimnisvollen Fremden ist bald die Rede, von seltsamen Beeren und merkwürdigen Geisteszuständen; all das ist Ausdruck vom Hin und Her zwischen Gottesfurcht und Aberglauben, von Elsies verzweifelter Suche nach einem Ausweg in eine andere, bessere Welt.

«Jakobs Ross» ist nicht der erste Text, der das üble Schicksal einer einfachen, jungen Frau zu dieser Zeit thematisiert, aber er tut es auf so unverbrauchte und eindringliche Weise, dass dem Leser der von Verzicht, Erleiden und Abhängigkeit gekennzeichnete Alltag in seiner ganzen Härte ersichtlich wird. Ein Nachgeschmack von Fremdheit bleibt, und soll wohl bleiben. Es ist dieses Gefühl, einen unerklärlichen Rest aufschlüsseln zu müssen und zu wollen, das dem Text seine Qualität verleiht und Elsies Geschichte umso authentischer (nach)wirken lässt.

Silvia Tschui: Jakobs Ross. Zürich: Nagel & Kimche, 2014.

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