Antonia – Tagebuch 1965– 66

Von der Einsamkeit im goldenen Ehekäfig.

21. Februar 1965

Als ich heute Morgen die Augen aufmachte, war ich nicht fähig, mich zu bewegen. Mein Körper schien sich in den Laken aufgelöst zu haben und schwamm in giftigem Schweiss. Erst als ich das Kindermädchen hörte, sprang ich aus dem Bett. Nurse, wie sie genannt werden möchte, stand mit Arturo an der Tür. Wohin gehen Sie? «Wir gehen zur Schule, of course», antwortete sie mit ihrer ewig vorwurfsvollen Miene. Sie knallte mir buchstäblich die Tür vor der Nase zu. Dann ist mir eingefallen, dass ich meinem Sohn gestern beim Abendessen versprochen hatte, ihn heute in die Schule zu bringen, und ich habe mich geschämt.

3. März 1965

Ich habe Haarausfall. Ich habe Migräne. Ich kann zusehen, wie ich dicker werde, und passe nicht mehr in meine Kleider. Meine neueste Angewohnheit: Sobald Franco aus dem Haus geht, hänge ich schwarze Laken über die Spiegel.

Gestern hat er mir vorgeworfen, ich wisse nicht, wie man den Hausangestellten Anweisungen gebe. Ich sei zu freundlich zu ihnen. Seine Stimme war verächtlich. Als er zu freundlich sagte, zog er die Silben auseinander, und an den Rändern seiner rollenden Zunge sammelten sich Speichelblasen. Er nennt Maria hartnäckig Magd.

4. März 1965

Nurse in ihrer Krankenschwestertracht tut ganz harmlos, aber sie belauert mich. Ich hätte sie gleich am Anfang wegschicken müssen. Sie hat mir verboten, Arturo zu stillen und ihn nachts bei mir zu behalten. Sie hat mit ihrem perfektem Dutt, ihrer glatten Haut, ihrem kleinen, dichten Schnurrbart, ihren Vorschriften und ihren eisblauen Augen zu viel Raum zwischen ihm und mir eingenommen.

30. April 1965

Abendessen bei uns mit Valentina, Felice, Matilde und ihrem Mann.

Menü:
Makkaronitimbale mit Salbei
Seezungenfilet à la Diplomate
Brötchen mit Leberpastete in Aspik
Salat Jockey-Club
Aprikosenmousse

Diese Gesellschaften mit Gästen sind eine willkommene Ablenkung von den endlosen Abenden mit Franco. Dann bin ich nicht allein mit diesem geräuschvoll kauenden Mund. Mit diesem Kopf, der sich so tief über den Teller beugt, dass er abfallen und im Gazpacho landen könnte. Heute abend kein «Wie? Was hast du gesagt?».

10. Mai 1965

Franco mit seinem Priesterrücken bringt mich zur Verzweiflung. Ich ertrage ihn nicht mehr:

seine kleinen, zwanghaften Gesten, wenn er seine Sachen zusammenlegt
seine Manie, sich laut zu schnäuzen, bevor er ins Bett geht
seine grauenvollen gestreiften Pyjamas, Geschenke seiner Mutter sein geräuschvolles Ausspucken, wenn er sich die Zähne putzt
seinen weissen, schlaffen Körper.

Um ihn zu meiden, suchte ich früher noch eine Entschuldigung und verzog mich aus dem Schlafzimmer, jetzt sage ich nichts mehr. Die Gewohnheit hat ein fast vertrautes Schweigen hervorgebracht. Ich gehe hinaus und setze mich an Arturos Bett, er schläft wie ein kleiner Engel. Sein Gesicht und sein Atem im Halbdunkel beruhigen mich. Wenn ich aus dem Zimmer komme, öffnet diese Hexe von Nurse unweigerlich die Tür und fragt leise, aber scharf: «Stimmt etwas nicht?»

«Nurse»: Ich habe über das Wort nachgedacht. Es verstärkt das Gefühl, mit einer Fremden zusammenzuleben. Sie bleibt unergründlich. Wer ist diese Frieda? Ja, sie hat Familie in Nord­england, ja, sie mag klassische Musik, ja, sie hält eine sehr strenge Diät, ja, sie geht jeden Morgen in die Messe. Franco sagt: «Sie soll ihre Arbeit machen, das ist alles, was uns interessiert.» Er hat sie über eine sehr bekannte Agentur für ausgebildete Kindermädchen gefunden, sie übt den Beruf seit dreissig Jahren aus. Und wenn schon! Ich verpasse eine Gelegenheit nach der anderen, meinen Sohn zu lieben.

Erledigen:
Zum Friseur gehen
Medikamente für Arturo kaufen
Champagner bestellen
Lampe

28. Juni

Vielleicht erwacht man eines Tages mit der Leere, nicht der gewesen zu sein, der man sein wollte. Wo habe ich diesen Satz gelesen? Seither sehe ich meine Umgebung mit anderen Augen, wenn ich morgens aufwache. Die Welt erhält Tiefe, Volumen, einen Geruch. Aber das kleine Wunder verflüchtigt sich sehr schnell und wird von erbarmungsloser Tageseintönigkeit abgelöst.

Meine Ehe ist nicht das, was ich erhoffte. Seit Arturos Geburt vor acht Jahren hat sich Francos Zuwendung abgenutzt. Er betrachtet sich morgens im Spiegel, zieht seinen Scheitel und seine Krawatte gerade, und verabschiedet sich bestenfalls jeden zweiten Tag von mir, wenn er in die Kanzlei geht. Ich war so lächerlich naiv, als ich ihn geheiratet habe. Ich soll einfach nur gehorchen, das Haus in Ordnung halten und die Erziehung unseres Sohnes überwachen. Weiter nichts. Ich bin ihm unterworfen, verpflichtet.

Als ich gesagt habe, dass ich gern arbeiten würde, war Francos Antwort: «Was würden die Leute sagen? Du hast doch alles, was du brauchst. Frauen in deiner Stellung kümmern sich darum, Abendgesellschaften zu organisieren, und auf dem Gebiet kannst du noch einige Fortschritte machen.» Er begreift nichts, nichts, nichts. Ich bin neunundzwanzig. Meine Wünsche verhallen, versinken ungehört. Unmöglich, mir für den Rest meiner Tage ein Leben als perfect house wife vorzustellen. Wie gern würde ich dieses Korsett abwerfen, dieses Frau von, Mutter von. Ich will nicht mehr so tun als ob.

3. Juli 1965

Gestern ist Grossvater am Flughafen angekommen. Ich habe ihn mit Arturo abgeholt. Vati. Er ist alt geworden. Seine Haare sind jetzt ganz weiss, seine dicken Augenbrauen aber immer noch rabenschwarz. Wie lange wird er die Reise von Teresópolis noch machen können? Er bleibt zwei Wochen bei uns. Ich bin glücklich, den Klang seiner Stimme und seinen einzigartigen Akzent zu hören. Unsere Vertrautheit, seine Gesten, sein Lachen wiederzufinden und seine Augen, die ständig etwas suchen. Er ist immer noch genauso lebhaft und akkurat. Immer noch genauso elegant mit seiner schlanken Figur, und wie er den Kopf hält!

Ich denke an den Moment zurück, als Vati einen wichtigen Platz in meinem Leben einnahm. Das war in Florenz, als ich im Internat war. Damals hat er angefangen, mir einmal in der Woche zu schreiben. Ich höre noch die Stimme der Direktorin, Mrs Holmes, die vom unteren Ende der Holztreppe «Po-ost!» heraufrief. Dann das wilde Gerenne, die lauten Schritte meiner Kameradinnen auf den Stufen. Die Freudenrufe. Die der Enttäuschung. Ich zog mich am liebsten in mein Zimmer zurück, um Vatis Briefe zu lesen. Unter Tausenden würde ich seine Frakturschrift und das cremefarbene Papier erkennen, das er benutzte. Ich schnupperte immer erst am Umschlag, bevor ich ihn öffnete, in der Hoffnung, seinen Duft oder etwas Exotisches zu riechen. Ich war die einzige, die Post aus so weiter Ferne bekam, aus Brasilien … ein anderer Planet. Er begann jeden seiner Briefe mit Meine geliebte Antonia und unterschrieb mit Dein Vati. Sie enthielten Neuigkeiten über seine Gesundheit, sein Leben in Teresópolis, meine Mutter (die mir nur förmliche Grusskarten zum Geburtstag oder zu Weihnachten schickte). Dieser Briefwechsel hat das Band zwischen uns besiegelt. Er schrieb mir, ich sei die Tochter, die er gern gehabt hätte. Seine Zuneigung war beruhigend und gab mir Kraft. Nonna und er waren meine Schutzengel. Vati hat mich bei meiner Hochzeit zum Altar geführt. Ich war so stolz, an seinem Arm in die Kathedrale zu kommen. Ich höre noch seine Worte, als wir durch das Portal traten: «Komm, meine geliebte Antonia. Geh erhobenen Hauptes. Denn heute bist du eine weisse Callablüte.»

Vati ist für zwei Monate in Europa. Seine weitere Reiseroute: Neapel, Florenz, London, um Antiquitätenhändler zu treffen und Raritäten aufzutreiben. Genf, um seine Tochter und seine Ex-Frau, Mutti, zu besuchen. Zürich wegen seines Bankiers. In Nizza trifft er sich mit Freunden. Kitzbühel zur Erholung. Von Madrid fliegt er zurück nach Rio. Beim Abendessen hat er uns begeistert erzählt, dass er auf der Suche nach Objekten für seine neue Freundin Evelyn sei. Sie möchte in Rio ein Museum eröffnen, und er berät sie. Er hat sie in New York bei einem gemeinsamen Freund kennengelernt, der ebenfalls Gemälde sammelt. Wie Vati hat auch Evelyn Österreich in letzter Minute verlassen, sie ist kunstbesessen wie er und wird wie er nie nach Wien zurückkehren.

Ist es möglich, dass Vati sein Leben in Brasilien einfach neu angefangen hat? Er redet nie vom Krieg, von Verrat, Erniedrigung oder Raub. Nichts über seine Eltern, die in den Lagern ermordet wurden. Nichts, nichts, nichts.

Arturo lässt ihn nicht aus den Augen.

4. Juli 1965

Wie ich mich gefreut hatte, Vati wiederzusehen, mit ihm an den Strand von Mondello zu fahren! Den Sand unter meinen Füssen zu spüren … und nun stehe ich mitten in der Wüste. Nach dem Spaziergang haben wir uns nebeneinander in das Café direkt am Meer gesetzt und ich habe mich getraut, ihm von meinen Zweifeln wegen Franco, meiner Unzufriedenheit als Mutter, meinem Gefühl des Nichtseins zu erzählen. Ich hatte den Blick aufs Wasser gerichtet und war so darauf konzentriert, die richtigen Worte zu finden, um ihm zu erklären, wie sehr dieses öde Leben auf mir lastet, dass ich nicht bemerkte, wie sich sein Gesicht veränderte: Als ich ihn ansah, war er ganz bleich geworden. Er war wie versteinert, und seine Stimme kam wie aus dem Jenseits, als er mich mit seinen schwarzen Augen ansah und sagte: «Beklag dich nicht, du hast eine Familie. Es ist deine Aufgabe, sie glücklich zu machen. Ist dir klar, wo du lebst? Wie du lebst? Du solltest zufrieden sein!» Er betonte immer wieder, dass Franco viel arbeite und ich sein Schweigen aushalten müsse. «Es ist ganz normal, dass er sich nicht für dich interessiert, er ist müde, er hat Sorgen. Du bist es, die sich Mühe geben muss! Auf deinen Schultern ruht das Glück der Familie und erst recht Arturos Erziehung.» Diese Flut von Forderungen nahm mir den Atem. Es war, als würde ich zu Boden stürzen und mir das Gesicht aufschlagen.

5. Juli 1965

Ich habe Arturo zum Geburtstag eines Klassenkameraden gebracht. Die Kinder sollten sich verkleiden. Zum Glück hatten wir Nonnas Koffer, darin haben wir eine Musketierjacke, eine lila Hose und eine weisse Perücke gefunden, alles passte perfekt. Er hat sich so gefreut. Nonna wäre glücklich gewesen, dass die Kostüme, die sie für die Tableaux vivants in der Villa Clara genäht hat, immer noch zu etwas gut sind. Als ich Arturo bei seinem Freund abgab, drückte er mir sein Heft in die Hand, das er immer mit sich herumträgt, «Meine Traumhäuser». Ich habe es mir im Café angesehen, lauter bizarre Häuser, die er seine Schlösser nennt. Ob er mal Architekt wird?

Franco findet, ich soll Kochkurse besuchen, um mich zu beschäftigen. «Du bist zu viel Zeit allein. Das bringt dich auf andere Gedanken, und vielleicht wirst du dann doch noch eine anständige Köchin und ordentliche Ehefrau.»

9. Juli 

Vati. Vati. Ich habe ihn anscheinend so tief enttäuscht, dass ich nicht mehr würdig bin, seine Enkeltochter zu sein. Er meidet jedes Gespräch. Wir sind wie Fremde. Wenn er mir diese Bestrafung nur erklären würde! Aber ich traue mich nicht, ihn danach zu fragen. Er geht mir aus dem Weg, spielt mit Arturo, erzählt ihm von Musik und von der Malerei. Seine ganze Aufmerksamkeit richtet sich auf ihn und Franco. Er will eine neue Vertrautheit zwischen sich und ihnen schaffen, das ist offensichtlich. Ich spüre, dass er auf die Seite meines teuren Gatten gewechselt ist. Er hat ihnen erzählt, wie sein Leben zerstört wurde, als wäre es ein Piratenabenteuer: Wie er aus Wien flüchtete, wie er es schaffte, einen Teil seiner Sammlung in verschiedenen Museen Europas in Sicherheit zu bringen, wie der Rest seiner Kunst­werke beschlagnahmt wurde, wie er erfuhr, dass ein ranghoher Nazi seine Gemälde gekauft hatte, wie er nach England floh, Zuflucht bei Freunden in Nizza fand, wie er in einem Lager für ausländische Juden eingesperrt wurde, wie ihm die Flucht gelang, wie ein Freund ihn an die spanische Grenze brachte, wie er nach Portugal gelangte, von wo er schliesslich ein Schiff nach Brasilien genommen hat.

Ich merke, dass ich störe. Franco, Arturo und Vati sind in einer Blase, von einer unsichtbaren Membran umgeben. Wo ist mein Platz in dieser Familie?

11. Juli 65

Gespräch mit Franco heute beim Frühstück.

Mach das Fenster auf

Es ist offen

Man kriegt keine Luft


Der vorliegende Text ist ein Vorabdruck aus Gabriella Zalapìs erstem Roman. «Antonia. Tagebuch 1965 – 66» erscheint auf Deutsch im April 2020 in der Edition Blau beim Rotpunktverlag.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»