Asyl im Moment

Egal, ob es an einer geistigen Störung oder bloss an postmodernem Ennui leidet: Lyrik hilft bei der Rekonstruktion des Ich. Eine Fallstudie anhand von Kurt Aeblis «Ich bin eine Nummer zu klein für mich».

I. Kennen Sie das? Da ein flüchtiger Eindruck, dort was gelesen, oh, beim Nachbar steht ein Pannendreieck von innen ans Fenster gelehnt, aber ich sollte endlich irgendetwas fertig machen, dann erschreck’ ich mich selbst, als ich niese, und es fällt mir auf, dass ich ständig den Schlüssel suche. Aber worüber wollte ich noch gleich nachdenken? Wahrnehmungen umschwirren den Geist, Gedanken flippern umher auf einer Skala von inkohärent bis unverständlich. Gedanken, die zu Ideen werden, dann aber mehrheitlich innert Sekunden auf Nimmerwiederdenken wegploppen. Manche formieren sich zu verzweifelten To-Do-Listen oder in hastigen Umsetzungsskizzen, die ich Monate später in einem Hosensack finde und staune. Etwa darüber, dass ich Pannendreiecke als Bilderrahmen verwenden wollte.

Kennen Sie nicht? Dann haben Sie keine manischen Tendenzen. Eine anhaltende Manie ist wie einige Wochen auf Speed: Der Fokus flackert, das Denken zerfällt, Konzentration wird zum Kraftakt. Irgendwann ist das ganze Selbst so zerschossen, dass man schlafentzogen Wände anstarrt, bis sich darauf Muster bilden, die sich mit röhrendem Appetit fortlaufend selbst auffressen.

In etwa der Verfassung war ich auch vor drei Jahren, als ich nach einem Ausstellungsbesuch durch die Buchauslage im Museum für Gestaltung guckte. Ein kleines schwarzes Buch stoppte meinen Blick, darauf leuchtete in Weiss der Satz: «Ich bin eine Nummer zu klein für mich.» Definitiv! Ich drehte das Buch um. «Die Tapete ist abgereist, ich bin noch da.» Angesichts meiner Erlebnisse mit Wänden von neulich klappte ich das Buch natürlich auf. «Das wenigstens war ein aus einem unruhigen Herzen gestohlener Quadratmeter Wirklichkeit.» Wow, dachte ich: Ich erlebe gerade den soeben beschriebenen Moment. Mit wenigen Sätzen wurde der Band zu meinem Zufluchtsort vor meinen irrlichternden Gedanken. Oder auch einfach «das verstandesbedingte Isoliermaterial», wie das Buch selbst irgendwo sagt. Den Halt, den mir die präzisen Sprachgebilde gaben, nennt man in Therapeuten-Sprech den inneren «Save Place». Und dass Bücher retten können, ist spätestens kein Geheimnis mehr, seit auf dem Cover von Douglas Adams’ «Hitchhiker’s Guide to the Galaxy» stand: «DON’T PANIC». Auch dass es hier nun Gedichte waren, verwundert nicht wirklich, verschrieb uns doch schon Kästner eine ganze «Lyrische Hausapotheke».

Konkret waren es drei Dinge, die Erlösung brachten. Es gab erstens keine eingebauten Narrative. Das Buch lieferte mir kommentarlos Satzbilder zur eigenen Betrachtung. Zum Beispiel «die Einteilung der Welt in zwei Spiegel», oder wenn von einem die Rede ist, der sich «das Zuhause abgewischt» hat. Das ist Geist im Spiegel der Sprache, der Versuch, so der britische Dichter Nick Laird, das «Reale in die Aufzeichnung hinüberzuretten». Und diese festgenagelten Momente scheinen einen selbst im Moment festzunageln. Durch einen Blick zweitens, der singulärer ist als bei anderen Textformen. «Die Lyrik», nochmals Laird, «zeichnet die extravagante Merkwürdigkeit des Lebens auf.» Mein Buch macht das meisterlich, etwa mit einem «Vorhängekuss». Das sind, drittens und im Endeffekt, spektakulär unspektakuläre Innenansichten. Wie überhaupt in Texten von Autoren, die nicht nur eine Geschichte erzählen, sondern Sprache anwenden, erlebt man eine andere Seele, und wenn sie einen nicht gerade retten, leisten sie immerhin nicht selten gute Gesellschaft.

Das Buch dient mir bis heute als eine Art Zufallsgenerator des Alltags, indem ich es beliebig aufschlage und die erste Wortfolge, auf die mein Blick fällt, zum Leitsatz des Tages mache. Die Spielregeln orientieren sich frei an den Situationisten, die unter anderem ja mit der Strassenkarte Londons Paris erkundeten. Ziele solcher Übungen waren eine Wissenschaft zur Revolutionierung des Alltags und die Erarbeitung emotional begründeter Stadtpläne, die als Grundlage zur Konstruktion neuer, utopischer Umgebungen dienen sollten. Häuser etwa, in denen man den Drang, einander zu umarmen, nicht unterdrücken kann. Aber genug dazu, zurück zum Spiel. Vor einigen Monaten, es war noch ziemlich kalt, sagte das Buch: «Eine tote Stunde hat ihr Hauptquartier aufgeschlagen hier.» Als ich am Zürcher «Stauffacher» meine eigene tote Stunde abhielt, die Trams für 60 Minuten also einfach abfahren liess, knallte eine Tasche neben mir auf die Mauer. Anhand des genervten Schlenzers wäre ich nie draufgekommen, aber ein Blick zur Seite zeigte, dass die Tasche zu einer traditionell gekleideten Muslimin gehörte. Aus der Tasche kramte sie als nächstes eine Packung Zigaretten hervor, zündete eine an und nahm mit grosser Geste einen tiefen Zug. Nochmals kramte sie in der Tasche und holte ein Prix-Garantie-Bier hervor, öffnete die Dose und setzte zu einem Schluck an. Und ich machte grosse Augen. Durch die Zeitlücke hatte ich das Gegenteil der allgemein angenommenen Realität erspäht.

II.

Heute denke ich oft, die kognitiven Auswirkungen einer Manie seien nicht so anders als die des Zugeballertwerdens in der postmodernen High-Tech-Informations-Medien-Gesellschaft mit all ihren Daseinsparadoxien, die einen doppelt irre machen. In einem Fort wird gemeldet, analysiert und debattiert. Themen ploppen auf – und fast so schnell und erkenntnisarm wieder weg, wie eingangs die meinen. Edward Snowden, Irak, Ukraine, Ebola und Gaza sind gerade Hot Topics. Jeden Tag erneut das Neue, das sich alt anfühlt. Aber worüber wollte ich noch gleich nachdenken? «Das vom Erdboden Verschluckte ist der Erdboden», meint mein Buch dazu. Kennen Sie bestimmt. Wenn der Fokus flackert und das Denken zerfällt, wird die Formulierung des eigenen Standpunkts schwierig. «Konstruktion eines Durchblicks», mahnt das Buch, und ich gebe zu, dass ich gar nicht nachdenken, sondern mich über die neue spanische Gruppierung, Bewegung oder Partei «Podemos» informieren wollte, stattdessen las, dass Dieter Bohlen mal bei den Juso war. Und ich mich dann fragte, ob ich das eigentlich schon gewusst hatte, stattdessen darauf kam, dass Revolutionen gerade sehr schnell altern. Mich dann wiederum fragte, ob das nun stimmt oder nur medial vermittelt wird. Und woher sollte ich überhaupt ein Zeitgefühl für Revolutionen haben? Im «endlosen Sperrfeuer der Unmittelbarkeit der Medien»1, wie der Literaturkritiker Fredric Jameson es bezeichnet, will sich aller Informiertheit zum Trotz kein Jetzt einstellen, an dem ich mich orientieren kann. Jameson sagt weiter, dass «der postmoderne Mensch immer schon aus der Gegenwart heraus historisch denkt – weshalb ihm die Gegenwart selbst verborgen bleibt». Das Resultat sei, salopp zusammengefasst, eine Endlosschlaufe aus Stereotypen der Vergangenheit. Poptheoretiker glauben ja inzwischen, dass wir uns an die heutige Zeit erinnern werden, wie wir heute schon über die 1950er denken: «Eine lange, trostlose, konservative Wüste, in der alle darauf warteten, dass etwas Neues passiert.»2

Nun bin ich ja nicht die einzige, die sich und die Welt manchmal im Kopf nicht aushält. Das sagen mir die Häuser voller psychologischem Fachpersonal in meiner Stadt, WHO-Statistiken, ach was, eigentlich alle, mit denen ich länger als eine halbe Stunde rede. Die allgemeine Losung zum Umgang damit? Abschalten! Ausschalten! Ja und dann? Wieder einschalten? Das halte ich für wenig nachhaltig, deshalb lieber: Umschalten! Etwas anderes zu denken bedingt, etwas anderes wahrzunehmen. Und genau bei dieser intellektuellen Sinneserweiterung können ein paar gegenwartsgesättigte Satzfetzen Wunder wirken. Etwa indem sie den Drang stoppen, den Verstand in der Logik eines festgefügten Systems zu suchen.

 


 

1 Fredric Jameson: Postmodernism, or The Cultural Logic of Late Capitalism. Durham: Duke University Press, 1991.

2 Mark Fisher in «Wir erwarten nichts anderes als Retro», Interview «Die ZEIT» (online), 03.08.2014