Indien gesucht

Mendrisio – Riva San Vitale – Mendrisio: 10 Minuten

Indien gesucht

Mendrisio Stazione. Ich blättere im «Corriere della Sera». Vier Seiten Kriege und Krisen an den Rändern Europas. Ein Nebelregen gegenüber Regenwald. Das Tessin ist für mich immer wieder eine Irritation, eine Art Emmental kurz vor dem Mittelmeer.

Bis hierhin hat es sich rumgesprochen: Ich reise mit Büchern und schreibe darüber. An jedem Schweizer Bahnhof wartet eine Person auf mich, um mir etwas zum Lesen zu schenken. Heute kommt mir Übersetzerin Anna Allenbach entgegen, in ihrer rechten Hand ein schönes dünnes Buch. «Damit du auch mal italienischsprachige Literatur liest», sagt sie sanft lächelnd. Ich schwitze an der Oberlippe, die sich bewegt, um sich zu bedanken. Das Buch rutscht in meine Hand, riecht schon fein, belebend wie eine Multivitaminbrausetablette. Anna Ruchat: Binomio fantastico (Di Felice Edizioni). Wunderbare, poetische Sätze. Ich geniesse Bücher, die wie Früchte sind, die man einzeln pflücken muss. Im Mund zergehen lassen. Als ich aufschaue, fahre ich wieder zurück. Und habe vergessen, auf den Pendolino umzusteigen. Wieder entfaltet sich der See und verliert sich im Schild «Riva San Vitale». Hier befindet sich das älteste christliche Bauwerk der Schweiz: eine Taufkapelle. «L’inaugurazione è una festa danzante.» Die Einweihung ist ein Tanzfest, lese ich und stehe dann wieder am Bahnhof von Mendrisio. Zurück auf Anfang, gehe nicht über LOS, ziehe nicht… Der Bahnsteig hat sich nicht ­verändert, nur die Wartenden sehen anders aus. Ich halte das Buch in die Höhe, damit man weiss, dass ich keines mehr brauche. «L’universo si compone di / 92 corpi ­semplici.» Das Universum besteht aus 92 einfachen ­Körpern. Und doch habe ich das Gefühl, eine grosse Reise gemacht zu haben. Indien gesucht und das Südtessin ­gefunden. «Hai capito / che andavi nel vuoto / senza ­misure / ne tempi.»

Ja, das musste es sein: in der Leere angelangt, ohne Mass und ohne Zeit.