Auf einen Quintin bei der Tante

Arno Camenisch: Ustrinkata. Solothurn: Urs Engeler Editor, 2012.

Die Beiz ist die wahre Heimat des Schweizers. Wer wissen will, wie dem Eidgenossen ums Herz ist, der setzt sich drum an einen Stammtisch und hört zu – oder er schreibt gleich mit. Auf diese Art heimatkundlicher Feldforschung nimmt uns auch Arno Camenisch in seinem dritten Prosabuch mit. Der junge Bündner Autor schreibt Deutsch, hat aber rätoromanische Wurzeln, und so macht es einen Reiz seiner Prosa aus, dass er sie kunstfertig den Sprachgrenzen entlang mäandrieren lässt, zwischen Schriftsprache und Dialekt, Rätoromanisch und Deutsch, Fremdem und Vertrautem. Damit spielt schon der Titel: «Ustrinkata» – wobei ich gerne zugebe, dass ich auch hereingefallen bin und das zunächst für den Namen eines Vororts von Moskau gehalten habe.

Da sitzen sie also traulich beisammen, in der «Helvezia»: die Tante, der Alexi, der Gion Baretta, die Silvia, trinken einen «Quintin» oder «Caffe fertic», zünden sich eine «Mary Long» an und reden. Die Gespräche, zu deren Ohrenzeugen uns der Dichter macht, entwerfen dabei das Porträt der Welt von draussen, das regenverhangene, von Erdrutschen und Lawinen bedrohte Bergtal, das Dorf mit seinen Geschichten von heute und gestern, von Lebenden und Toten. Mit gespitzten Ohren lauscht Camenisch seinen Figuren jede Eigentümlichkeit ab, charakterisiert sie mit ihren wiederkehrenden Redewendungen und Gesten. So erhält der Text einen in sich geschlossenen Klang und einen starken, leitmotivischen Rhythmus.

Was wir dabei zu hören bekommen, sind die kleinen Geschichten kleiner Leute: Der Autor mischt sie, variiert sie, spielerisch, in lockerem Konversationston, ohne jeden Versuch, grössere Bögen zu spannen. Auch die Episoden selbst gewinnen kaum je starkes Eigenprofil, man erinnert sich jedenfalls (wie das bei Beizengesprächen so geht) kaum an eine noch, ist sie vorüber, und so verfliessen die vielen kleinen Farbtupfer schliesslich zu einer Grundstimmung von getöntem Grau. Dabei beginnt die Erzählung mitten im Gespräch und endet irgendwo, ohne dass Anfang oder Ende begründet würden. Augenzwinkernd spielt diese Textfläche mit der Illusion, sie wäre nur ein zufälliger Ausschnitt aus dem ganzen Leben. Das ergibt einen gewissen Effet du réel, anderseits fehlt es damit auch an einer den Leser mitziehenden Progression. Sind die Charaktere, ist die Stimmung einmal exponiert, erfährt man nicht mehr viel Neues.

Dabei ist Camenischs Blick auf seine Dörfler durchaus liebevoll. Nichts liegt ihm ferner, als seine Figuren zu denunzieren: Unter einer Oberfläche von urchiger Rauhbeinigkeit ist da ein jeder ein guter Kerl. Selbst über den Dichter im Dorf sprechen diese Beizenhöckler mit Interesse, die Wirtin hat gar seinen Nachruf aus der Gasetta Romontscha griffbereit im Schrank. Man mag das plausibel finden oder nicht –
jedenfalls liest keiner hier den «Blick», keiner schimpft über Asylanten, kein Wort vom Milchpreis, von der Subvention, und selbst der eine oder andere Ferienflug, der erwähnt wird, hat diese reinen Berglerseelen nicht verdorben. Ja, bei näherer Betrachtung weist der Welthorizont von Camenischs Figuren auffallend wenig Reibungsfläche auf zu demjenigen der aufgeklärt urbanen Leser, an welche das Buch sich richtet. Es sind gleichsam moderne Rokokoschäfer, die dem feinen Publikum zuliebe nicht stinken dürfen.

Gewiss, bereits Camenischs preisgekrönter letzter Band «Hinter dem Bahnhof» war nicht frei von einem Hang zur Idyllik, der alle Verwerfungen der Gegenwart in der liebenswerten Verschrobenheit der Bergdörfler aufhob. Aber was dort nicht nur ungleich bildkräftiger und farbiger daherkam, sondern auch durch die Kinderperspektive des Erzählers literarisch motiviert erschien, gleitet in «Ustrinkata», wo der Autor Erwachsene in erster Person sprechen lässt, trotz aller literaturinstitutsmässigen Geschliffenheit der Textoberfläche allzu oft ab ins harmlose, um nicht zu sagen verharmlosende Abschildern einer heilen Heimatwelt.