Tage mit Felice

 

Tage mit Felice
Fabio Andina, zvg.

Er ist es, der klopft und mich weckt. Es ist noch nicht einmal halb sechs. Ich steige die Treppe hinunter, mache die Tür auf und sehe ihn dort im Dunkeln unter einem Schirm, das Hemd offen, kurze Hose, barfuss. Kalte Luft strömt herein, es regnet. Ich ziehe mich an und gehe hinaus. An einem Nagel in der Hauswand hängt das Thermometer, das Vittorina mir geschenkt hat. Fünf Grad. Ist gar nicht mal so kalt, sage ich mir. Liegt wohl daran, dass ich es nicht gewohnt bin, so früh aufzustehen.

Gestern hatte ich Felice vor meinem Haus getroffen, es war ein sonniger Nachmittag, um die Berggipfel zogen sich die ersten grauen Wolken zusammen, die den Himmel noch vor Sonnenuntergang verdunkeln sollten. Ich lasierte gerade die Tür des Holzschuppens, er ging vorbei, genauso angezogen, barfuss und mit einer Plastiktüte voller Kakis. Wir wechselten ein paar Worte, dann fragte ich ihn, ob ich ihn ein paar Tage lang begleiten dürfe. Um ein bisschen so zu leben wie er.

Wir gehen die drei Steinstufen hinunter und tauchen schnellen Schrittes in den Nebel ein, in die Nässe und die kopfstein-gepflasterte Gasse, die sich zwischen den niedrigen Häusern hindurchschlängelt. Häuser jahrhundertealt und eindrucksvoll wie die Steine ihrer Mauern. Die Dachbalken krummgebogen unter dem Gewicht der Steinziegel und die kleinen Fenster noch stumm. Eine von der Gemeinde aufgestellte Strassenlaterne leuchtet uns schwach den Weg.

Im Dorf munkelt man seit eh und je, dass Felice sich jeden Morgen noch vor dem ersten Hahnenschrei aufmacht, um splitterfasernackt, weiss der Teufel, wo in einer eiskalten Gumpe zu baden. Manche sagen, er habe das schon immer gemacht. Andere, er habe nach seiner Russlandreise in den sechziger Jahren damit angefangen. Wieder andere behaupten, er mache es erst, seit er in Rente ist. Für manche liegt diese Gumpe im Gebirgsbach Gurundin, nahe dem Selvaccia-Kiefernwald. Für andere im Bach Altaniga, zwischen dem Hof von Celso und den Tognola-Höfen. Wieder anderen zufolge sogar oben bei der Alpe del Gualdo, auf eintausendsechshundert Metern Höhe.

Nachdem wir das Dorf hinter uns gelassen haben, biegen wir in die Kantonsstrasse ein, die von Leontica hinauf in Richtung Nara führt. Das Klatschen von Felices blossen Füssen auf dem nassen Asphalt und das Wiehern von Vittorinas Maultier in seinem Pferch ein Stück weiter vorn.

Dort angekommen, erwartet uns das Tier schon, und Felice streichelt es. Ich ebenfalls, ausgiebig. Sein grobes, nasses Fell, schon das Winterfell, und das Trommeln des Regens auf dem Blechdach.

Wir gehen weiter, er in seinem sommerlichen Aufzug versucht, den Schirm auch über mich zu halten. Wir passieren das Haus von Floro und seinem Kater Rasta. Eine elende Hütte, jetzt im Dunkeln fast unsichtbar, die er vor rund zwanzig Jahren mehr schlecht als recht hergerichtet hat. Eternitdach, kein Strom, kaum bewohnbar, der Wasseranschluss ein Gummischlauch von einem Bach ins Haus. Als Toilette der nahe Eschenwald. Die Fenster dunkel, Floro schläft noch, wir gehen weiter.

Floro hat mal zu mir gesagt, dass das mit Felices Gumpe totaler Quatsch sei. Ja, es stimme, dass er ständig durch die Gegend laufe wie ein alter herumstreunender Wolf. Vor Jahren, solange er es schaffte, sei er sogar die Berge rauf- und runtergerannt, das sei der einzige Sport, für den man nichts weiter brauche, hätte er gemeint. Er ging aus dem Haus und fing an zu rennen. Oft weiss er aber nicht mal selbst, wohin er läuft, erzählte Floro weiter. Wie damals, als er um neun Uhr abends oben in Cancorì in der Nähe des Gasthofs Genzianella mit einem Beutel in der Hand gesehen wurde. Er würde Wildspargel suchen, hatte er behauptet.

Wir verlassen die Kantonsstrasse an der Kehre der alten Lärche, eines hundertjährigen, alleinstehenden Baums, und nehmen die Abkürzung über einen Schotterweg zur Pian di Sella hinauf. Eine viereckige Hochebene von einem Kilometer Seitenlänge, die sich vom oberen Dorfrand bis zum unteren Rand des steil abfallenden Selvaccia-Kiefernwalds erstreckt. Rechts und links wird sie von der tiefen Schlucht des Gurundin sowie den Serpentinen Richtung Nara begrenzt. Eine Ebene mit Viehweiden, ein paar Ställen und zwei, drei Ferienhütten. In der Ferne ist der Stall des Bauern Sosto zu sehen. Ein heller Spot aussen an der Fassade führt uns zum Eingang.

Man erzählt sich auch, dass Felice im Winter das Eis aufschlagen muss, das sich auf der Gumpe bildet, und dass er eine Seife mitnimmt, um sich zu waschen, und dass er früher oder später dort drin bleiben wird, in dieser eisigen Wanne, klapperdürr wie er ist. Und wer soll ihn dann finden, die Füchse werden ihn auffressen.

Sosto, fünfundvierzig Jahre alt, Statur eines Bauern, Bart und Haare ungepflegt und eine Parisienne im Mund, hantiert mit dem Melkapparat herum und grunzt Flüche ohne Ende, weil sich die Schläuche verwickelt haben und es nicht richtig saugt. Also grüssen wir ihn nur und machen uns wieder auf den Weg.

Wir gehen im Beinahedunkel voran und lauschen dem Geräusch unserer Schritte im Matsch. Das gelbe Licht einer Strassenlaterne beleuchtet die kleine Holzbrücke über den Altaniga. Ich frage mich, wo diese Gumpe bloss sein kann, ob wir jetzt entlang diesem Wasserlauf bergauf steigen, aber wir gehen geradeaus weiter.

Vorn kommt der andere Steg, ebenfalls aus Holz, der über den Gurundin führt. Wir überqueren ihn. Hier endet der Schotterweg in einem Wendeplatz, und das trübe Licht der letzten Strassenlaterne spiegelt sich in den schwarzen, zitternden Pfützen. Vor uns der dunkle Kiefernwald.

Felice klappt den Schirm zusammen, schwenkt nach rechts und verschwindet, verschluckt von der Finsternis. Ich will ihn einholen, aber nach ein paar Schritten bleibe ich erschrocken stehen. Ich sehe nichts mehr. Warte darauf, dass meine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnen. Fehlanzeige. Ich halte den Atem an und spitze die Ohren. Höre ihn einige Meter weiter vorn. Wenigstens bin ich hier vorm Regen geschützt.

Wir steigen in langsamem Tempo einen steilen und rutschigen Weg hinauf, von dem ich nichts erkennen kann. Ich versuche, ihn mir vorzustellen. Ich trete auf den Absätzen auf und hebe die Knie an, um nicht über einen Stein oder eine Tannenwurzel oder sonst was zu stolpern, und halte die Hände vors Gesicht aus Angst, dass ein Zweig sich mir ins Auge bohrt. Felice, rufe ich.

Ho, ertönt seine Antwort aus dem Schwarz.

Nichts, ich wollte nur wissen, wo du bist. Es sind die ersten Worte, die wir miteinander wechseln. Nach einer langen Weile sagt er, pass gut auf, dass du nicht auf den Arsch fällst, jedoch leise, vielleicht aus Achtung vor der Stille, die im Wald herrscht.

Wie fast alle Bewohner von Leontica spricht Felice nur den Dialekt des Bleniotals, das auch Valle del Sole genannt wird.

Felice, rufe ich wieder, ebenfalls gedämpft.

Ho.

Hast du denn keine Taschenlampe?

Taschenlampe? Hm, kann sein, dass ich eine hab, irgendwo.

Wir sind vielleicht eine Viertelstunde bergauf gegangen, als es plötzlich ein lautes Krachen gibt, wie vom Brechen eines Asts, gefolgt von einem Getrappel, das sich schnell entfernt. Überrascht bleibe ich stehen. Hirsch?, frage ich.

Aé. Wird schon ein Hirsch gewesen sein. Ist voll von Hirschen hier. Seine Stimme klingt beruhigend. Wir gehen weiter. Es gelingt mir, dicht hinter ihm zu bleiben, indem ich auf seinen Atem und das schwache Geräusch seiner Schritte höre.

Minuten später sehe ich allmählich seine Waden, grau, zwei oder drei Meter vor mir. Und die schwarzen Baumstämme ringsherum. Der dichte Kiefernwald über unseren Köpfen beginnt, sich zu lichten. Wie viel Uhr es wohl ist. Es wird langsam Tag, sage ich mir. Dann ist ein ferner Glockenschlag zu hören, dann noch einer und noch einer. Das Ave-Maria-Läuten der Glocken von Leontica um halb sieben. Eine klare, fröhliche Melodie. Er bleibt stehen und wendet sich dem Talgrund zu und verharrt so, ganz versunken, bis die letzten nachhallenden Töne endgültig verklungen sind.

Nach dem Kiefernwald wird die Steigung etwas sanfter, und Felice beschleunigt seine Schritte. Wir gehen durch eine Fülle von Heidelbeerbüschen und Alpenrosensträuchern und vielleicht auch Alpenazaleen hindurch. Im Dunkeln sehen sie alle gleich aus. Hier und da sind die schwarzen niedrigen Umrisse von Latschenkiefern zu erkennen und die hohen schlanken einzeln stehender Tannen. Es regnet immer noch, und der fast unerträgliche rauhe Wind peitscht mir ins Gesicht. Meine Nase läuft, und ich wische sie mit dem nassen, kalten Ärmel meines Wollpullovers ab. Mein übriger Körper ist erhitzt.

Inzwischen ist der Pfad unter meinen Füssen beinahe zu sehen. Eine Furche von einer Handbreit Tiefe und dreimal so breit. Wie sie die Kühe auf den Alpen treten. Rechts von mir höre ich den Gurundin raunen, kann ihn aber nicht sehen. Grob geschätzt müssten wir jetzt etwa auf fünfzehnhundert Metern Höhe sein. Sicher bin ich allerdings nicht, weil ich mich immer noch nicht orientieren kann und das Zeitgefühl verloren habe. Ich trage keine Uhr, und das Handy habe ich zu Hause gelassen. Wer soll mich um diese Zeit schon anrufen? Felice hat auch keine Uhr. Federnd und barfuss geht er vor mir, trägt nur die Shorts aus einer abgeschnittenen Jeans, das kurzärmelige, offene Flanellhemd und den aufgespannten Schirm über dem Kopf.

Letzten September ist Felice neunzig Jahre alt geworden.

Das Gurgeln des Gurundin begleitet uns, während ich mit jedem Schritt die Formen wie auch die Abstände besser unterscheiden kann. Wolken steigen auf, und die Umrisse der Berge beginnen, sich vor dem ganz allmählich heller werdenden Himmel abzuzeichnen.

Schliesslich, nach einer endlosen Schweigephase, sagt Felice «bòn» und bleibt stehen. Auch ich bleibe stehen und verschnaufe, und dann sehe ich sie.

Ein bleigrauer Fleck zwischen den schwarzen Felsen.

Die Gumpe.

Er zieht sich aus. Seine Haut scheint im Kontrast zu der Dunkelheit ringsum zu leuchten. Er trägt keine Unterhose. Die Shorts und das Hemd hängt er an einen nahen Tannenzweig, und dann steigt er ohne Zögern in das Becken, ganz hinein, ganz nackt, genau wie man es sich erzählt. Ich stehe reglos da und halte den Atem an aus Furcht, dass selbst die kleinste Bewegung mich von diesem Moment ablenken könnte.

Er ist vollständig ins Wasser eingetaucht, nur die Nase schaut heraus. Die Dampfwölkchen auspustet. Ich stelle mich unter die Tanne, obwohl ich inzwischen schon fast durchnässt bin. Und warte ab. Meine Schultern werden kalt, Frostschauer überlaufen mich. Ich schlage mit den Armen, reibe mir die Hände, stampfe mit den Schuhen auf. Warte ab.

Felice richtet sich auf, steigt aus der Gumpe, nimmt seinen Schirm und setzt sich auf einen Felsen, um die weissen Punkte der Strassenlampen unten im Tal zu betrachten. Er kehrt mir den Rücken zu. Ich mustere das düstere Becken. Wer zwingt mich denn dazu, sage ich mir, ich friere, es regnet, es ist dunkel. Aber ich habe es selbst gewollt. Ich ziehe mich aus und tauche mit einer Art Sprung hinein und schreie auch irgendwas. Und schramme mir die Knie an dem steinigen Grund auf.

Wie er würde ich gern nur die Nase herausschauen lassen, aber ich schaffe es nicht, es ist zu kalt. Mit einem Satz bin ich neben ihm. Er hebt den Schirm ein wenig an und hält ihn auch über mich. So sitzen wir da, nackt und schweigend, um uns vom Wind trocknen zu lassen.

Der jetzt den Himmel aufreisst, so dass es aufhört zu regnen, während es hinter dem Simano immer heller wird. Als wir trocken sind, ziehen wir uns wieder an und gehen in den jungen Tag hinein.

Nebelstreifen steigen rasch vom Talgrund auf und lassen sich herumschwebend von den Spitzen der Tannen den Bauch kraulen. Dann erreichen sie uns und hüllen uns sanft ein, kalt und feucht, bis ich höchstens noch drei oder vier Meter weit sehe. Hier oben auf dem Berg könnte man sich verirren bei einem solchen Nebel, oder man könnte sich noch einsamer fühlen.

Felice zupft die zarte Spitze vom Zweig einer wie aus dem Nichts aufgetauchten Latschenkiefer ab und kaut darauf herum, aber schlucken tut er sie nicht. Er kaut sie wie Kaugummi. Der Nebel verzieht sich, die Wolken lösen sich auf, und ein Sonnenstrahl trifft uns und das Tal fängt Feuer.


Der vorliegende Text ist der Anfang des preisgekrönten Romans «Tage mit Felice», der in deutscher Übersetzung im März 2020 beim Zürcher Rotpunktverlag erscheint (220 Seiten, gebunden). Fabio Andina ist in dieser Ausgabe des «Literarischen Monats» erstmals auf Deutsch zu lesen.


 

«Das Magazin, das in der
Schweiz gefehlt hat!»
Peter Stamm, Schriftsteller,
über den «Literarischen Monat»