«My Dear»

Bern – Sion: 1 Stunde, 27 Minuten.

ist nur eine kurze Reise. Ich bin bewaffnet. Ich gehe nach Sion, denn ich werde dort in der Médiathèque lesen. Der Schnee hat die Hügel zweigeteilt, oben weiss und unten Herbst. Im Zug zeigen die Finger der Passagiere nach draussen, die Sprache ist Walliserdeutsch. Gezeigt wird auf den Schnee. Meine Waffen sind handliche Taschenbücher. Mäd Book. Herausgegeben von der Galerie Mäder in Basel. Sie passen in meine Jackentasche, versammeln Autoren aus verschiedenen Generationen und werden jeweils von einem Künstler bebildert. Zum Beispiel: Verena Stössinger, Gianna Molinari, Sabine Gisin, Rudolf Bussmann, Jochen Kelter, Vincenzo Todisco. Das Richtige für kurze Reisen. Der Thunersee schaut grimmig, in Spiez steigen Chinesen in den Zug, sie kommen aus Interlaken. Spiez hat guten Weisswein.

Eine Chinesin setzt sich zu mir. Sie schaut auf die nackten Männerfüsse, die auf der Rückseite des Umschlags herausleuchten. «Min Jing», sagt sie, «je m’appelle Min», und lächelt in Richtung Umschlag. Sie erinnert mich an ein Plakat, das mir Freunde aus Hongkong mitgebracht haben: eine Frau mit Zigarette im Mund – «My Dear». «Der Mann öffnet die Augen, ihm gegenüber sitzt eine Frau. Sie ist jung. Dem Mann gefällt ihre müde Art, aus dem Fenster zu schauen.» (V. Todisco)

Der Zug fährt in den Basistunnel. Min Jing und ich spiegeln uns in den Fenstern. Sie unterrichte ihre Sprache an einer Privatschule in Sion, sie geniesse es sehr, ihre Sprache anderen näherzubringen. Meine Sprache, deine Sprache. Ich schliesse den Mund, klemme mir die Nase zu und pumpe Luft in die Ohren. Nach dem Tunnel liegt das Tal schon fast im Dunkeln. «Oder angesichts der dunkelnden / Bäume im Herbst jagt die Angst / vor dem Tumor ins Hirn jung / sterben dachten wir würden wir / alle die Zukunft war ein weites / ein unbekanntes offenes Land» (J. Kelter). 

In Visp steigt die Reisegruppe aus. Artig gebe ich Min die Hand. Ich schaue unbeholfen in ihre Augen. Meine Linke macht sich selbständig und hält ihr das Mäd Book mit den nackten Füssen hin. Min macht eine kleine Verbeugung, «merci» und verschwindet.