Blut und Boden

Selten hat mich ein Buch so wuchtig in meine Vergangenheit katapultiert und mein Unbehagen in der Gegenwart beschrieben wie «Simeliberg».

Mit dem Ziel, mich zu befremden, sitze ich im Flieger nach Tel Aviv, auf dem Weg in eine Weltgegend, in der mich hell und dunkel, weiss und schwarz, gut und böse seit jeher blenden wie ein grelles Grau, und klappe ein in graues Leinen gebundenes Büchlein auf, das eine Ackerfurche in die herausgepützelten Vorgärten des Schweizer Mittellandes pflügt und das Wurzelwerk meiner Herkunft freilegt. «Film noir im Schweizer Pflotsch», schrieb die WoZ über «Simeliberg», den Zweitling von Michael Fehr, geboren 1982 in Gümligen bei Bern. Und Schriftsteller Peter Weber lobt auf dem Buchrücken: «Fehrs Satzanschläge: Sie wühlen Grund auf.» Der orthodoxe Jude auf dem Sitz links neben mir studiert den Talmud, derjenige auf dem Sitz rechts neben mir lacht über den Trickfilm im Bordunterhaltungssystem und wackelt dabei mit seinen Peot, den Schläfenlocken. In der Reihe vor mir fallen zwei Muskel-pakete mit «I gaylove TLV»-Baseballcaps übereinander her, was der Araber auf dem Nebensitz (ein Palästinenser, der in Rom lebt und seine kranke Mutter in Gaza besucht, wie er mir später vor der Toilette erklären wird) trotz wiederholter Grenzverletzungen an der Armlehne mit stoischer Ruhe hinnimmt, und ich denke mir: Was so alles neben- und miteinander in einem Flugzeug Platz findet – warum funktioniert das in der Luft und nicht an Land?

«Aber mit dem Nationalismus kriegst du sie bald dran / die Masse / die Heimatlosen / Tatendurstigen / jeden noch so Idioten / der nicht weiss / was er tun soll / und etwas tun will / denn die Mutter Erde / jeden Flecken Erde / auf dem er steht / liebt ein jeder mehr als sich selbst / wenn du sie ihm immer schmackhaft machst / für nationale Werte sind sie bereit / ihr Fett zu lassen / und letztlich ihr Blut», doziert Fehrs knorriger Bauer Schwarz, der in der Abgeschiedenheit seines Krachens lebt, Waffen und Geld hortet und spinntisiert, dem Elend der Welt mit der Kolonialisierung des Mars zu entrinnen, um dort im roten Sand eine kommunistische Gesellschaft zu verwirk-lichen. Damit haben Fehrs 135seitiges Buch (auf Seite 12) und die Swiss-Maschine (auf 12 300 Metern über Meer) ihre Reiseflughöhe -erreicht.

Und ich bin mitten drin in meiner eigenen Vergangenheit: Der abgeschiedene Bauernhof im Schattenloch mit den trüb gewordenen Fenstern, die Heimstätte von Bauer Schwarz, könnte der Bauernhof meines Grossvaters in Landiswil im Emmental sein, auf dem ich unzählige Tage meiner Kinder- und Jugendjahre verbracht habe. «Fuchsern» heisst der Flecken Erde, auf dem Grossvater – nach dem Tod seiner Frau und meiner Grossmutter – mit dem Bruder meines Vaters, einer Haushälterin und einem geheimnisvollen Knecht namens «Iseli» gelebt hat und Hänge bewirtschaftete, von denen keiner weniger als 35 Prozent Steigung aufwies. Iseli, schon weit über 80 Jahre alt, als ich als Kindergartenkind neugierig in sein Leben trat, war als Waisenkind auf den Hof gekommen, womöglich als Verdingbub, aber so genau habe ich das nie herausgefunden. Iseli lebte in störrischer Verwahrlosung, die er niemals als solche bezeichnet hätte, inmitten von Gerümpel, das er niemals als solches bezeichnet hätte, in der fensterlosen Dachkammer des Hofes, und wäre er zeitlebens ins Visier der Sozialbehörden geraten, sie hätten ihm wohl auch «eine etwas überdurchschnittliche Weltraumeuphorie» bescheinigt, so wie Bauer Schwarz mit seinem Mars-Kommunismus. Iseli war weit herum der einzige, so erzählte mir mein Vater, der 1969 ein Fernsehgerät besass, und dank seiner ebenfalls weit herum unübertroffenen Bastelkünste schaffte er es irgendwie, mit einer Antenne das TV-Signal in den Krachen zu holen, als die Mondlandung übertragen wurde. Seine Weltraumfaszination erlosch erst, als er sich, zu gebrechlich, um noch Treppen steigen zu können, seines Glücks des Gnadenbrots in seiner Dachkammer nicht mehr sicher sein konnte und sich an einem Balken aufknöpfte. Da war ich gerade in der zweiten Klasse.

An Knecht Iseli erinnert mich Bauer Schwarz, auch wenn den realen Knecht und den fiktionalen Bauern abgesehen von der Sehnsucht nach der Weite des Alls nichts verbindet. Iseli konnte keiner Fliege was zuleide tun, obgleich er in seinen rüstigen Jahren so mancher Sau die Kehle durchgeschnitten hatte. Der scheinbar senile, verwahrloste Schwarz hingegen ist nicht nur ein Sonderling «mit einem Ecken ab», wie man die Spinner dort nennt, wo ich herkomme, sondern ein Rattenfänger «mit Dreck am Stecken», der Jugendliche im Dorf mit seiner kruden Theorie einer neuen Gesellschaftsordnung infiziert. Zugute halten kann man Schwarz, dass er nichts verwedelt, sondern geradeheraus alles erzählt, als seine Ehefrau vermisst wird und er in die Fänge der Sozialbehörden gerät. In die Fänge der vermeintlich Guten, die in Michael Fehrs Hinterwäldler-Epos Weiss heissen und in ihrem Bestreben, de jure sauber zu bleiben, das klare Wort scheuen und sich hinter Verfahren und Paragraphen verstecken, was den Dreck geradezu anzieht. Und dazwischen erledigt Griese, der Graue, seine Pflicht – «als eine Art Abgeordneter obrigkeitlicher / kantonaler Fürsorge für den ganzen Flecken / zunächst einmal zuständig für alle / denen der Sinn zur Selbstverwaltung aus blossem / Bildungsmangel / aus Verwahrlosung / Krankheit oder sonstigem Irrsinn zu sehr abgeht / als dass man sie auf sich beruhen lassen könnte» – und bringt Bauer Schwarz aus seinem dunklen Schattenloch ins «weissliche Licht» der Sozialbehörden, die seinen Fall -«abklären» wollen.

Welches Geheimnis verbirgt sich hinter dem Bündel Tausendernoten, das Schwarz im Buffet seiner niedrigen Stube versteckt? Hat er seine verschwundene Frau umgebracht? Und ist die Sozialbehörde dafür überhaupt zuständig? «Auf jeden Fall verliert der Fall hier an Eindeutigkeit», sagt Griese, der am Telefon die Behördenvertreter über die mysteriöse Geschichte mit Schwarz auf dem Laufenden hält. Ab jetzt macht sich Gemeindeverwalter Griese, Sohn eines zugezogenen Deutschen, bei seinen Ermittlungen auf eigene Faust nicht nur die Stiefel, sondern auch die Hände schmutzig. Er wird schuldlos schuldig am Fortgang der Geschichte, nicht zuletzt deshalb, weil er sich als Zugezogener zu eigen macht, was je nach Perspektive als Schweizer Tugend oder Defizit gelten kann: nie klar zu sagen, was ist. Griese versteht wohl den einheimischen Dialekt, nicht aber die Nuancen, mit denen kargen Aussagen Bedeutung verliehen wird.

«Chicken or Fish? Special Menu?» Die Stewardessen im Swiss-Flieger nach Tel Aviv servieren das Essen, und meine Gedanken schweifen wieder zurück auf den Bauernhof meines Grossvaters. In die rauchgeschwängerte Küche, in der nach getanem Tageswerk mit kaum mehr als Brummeln der persönliche Seelenzustand mitgeteilt, dafür umso wortreicher der Fortgang der Welt beraten wurde – was in kleinen Momenten nicht über den eigenen Acker hinausging und in grossen Momenten die Weltpolitik betraf. Überhaupt ist Politik bei Bauern wegen der Subventionszahlungen ein Dauerthema, ich habe später nie wieder einen politischeren Berufszweig angetroffen, nicht einmal die ebenfalls durch den Staat gestützten Künstler können mithalten. In der Bauernhofküche lernte ich, persönliche Empfindungen im Interesse eines grösseren Ganzen nicht zum Mass aller Dinge zu machen – wobei dieses grössere Ganze unterschiedlicher Natur sein kann: bei meinen bäuerlichen Verwandten war das der Dorffrieden, zum Beispiel. Mir erscheint das bis heute als die Tugend der Praktiker: angewandter Pragmatismus als Schutz gegen ideologische Verirrungen.

Über den Verlust von Iseli half mir «Trachsel» hinweg, der alte Bauerngehilfe vom Nachbarhof. Mit Trachsel, damals auch schon über 70 Jahre alt, bei dem nach einem Unfall an der Säge zwei Finger seiner rechten Hand nur noch als Stumpfen wackelten, unternahm ich – 12, 13 Jahre alt – tagelange Exkursionen in die Natur, während mein Vater in dieser Zeit die Landmaschinen seines Bruders instand hielt. Dabei brachte mir Trachsel nicht nur bei, wie man anhand der Moosbewachsung an den Tannstämmen die Himmelsrichtungen bestimmen kann, sondern führte mich auch ein in eine Welt, die schon damals – und heute umso mehr – von der gepützelten Häuschen-Schweiz des Mittellandes und Mittelstandes verdrängt wird: das -eigenverantwortliche Leben im Land der eigenwilligen Bauern. Fernab engmaschiger Regulierungen der Behörden, die das -Jugendamt alarmiert hätten, hätten sie Trachsel und mich beim Büchsenschiessen mit dem Luftgewehr, dem Brennen von Schnaps oder dem Nielenrauchen erwischt – schon damals, aber heute umso mehr. «Wir sind hier nicht im Wilden Westen / Mann / hier gibt es Gesetze», schimpft der Waffenverkäufer, als Griese sein Gewehr, für das er ein Zielfernrohr kaufen will, auf die Ladentheke legt. «Dass weiss ich auch / habe halt nicht daran gedacht / dass ich in der Stadt bin / ich komme von ausserhalb», antwortet Griese, als er das Zielgerät entgegennimmt.

Nein, diese Rezension von Michael Fehrs «Simeliberg», geschrieben von mir, als ich mit 800 Kilometern pro Stunde – inzwischen über griechischen Archipelen – in Richtung Tel Aviv düse, eingerahmt von zwei eingedösten orthodoxen Juden, endet keineswegs als eine Verherrlichung der archaisch-anarchistischen Lebensweise meiner bäuerlichen Vorfahren – und schon gar nicht als Plädoyer für eine Rückkehr in alte Zeiten. Sie ist vielmehr Ausdruck eines Unbehagens über Land, Leute und Leben in meiner Heimat, das Michael Fehr für mich wie kein zweiter Schweizer Schriftsteller seit langem in Dürrenmatt’schen Dimensionen in eine metaphorische Geschichte zu verpacken vermag. Unbehagen darüber, wie Fragen nach Verantwortung und Schuld in der Gesellschaft verdrängt werden, übertönt vom effizienten Surren der Wohlstandsvermehrungsmaschinerie, oder nicht geklärt werden können, weil sie hinter ungestümer Bürokratie versteckt werden, die alles zu einem einzigen, grossen Grau vermüselt. Weniger als Bürger, vielmehr als Journalist bin ich fast täglich konfrontiert mit bürokratischen Verfahren, die sich der Auskunftspflicht entziehen, mit den anonymen Fallverwaltungen, die sich durch nichts legitimieren müssen als Paragraphen und keinerlei Erklärungen jener bedürfen, die sie auslegen. Dieses Unbehagen drückt sich aus in einem tiefen Misstrauen gegen Staatsgewalten wie der Kinder- und Erwachsenenschutzbehörde und finden ihre Bestätigung im irren Raubzug der Steuerbehörde in der Zürcher Gemeinde Dürnten, die einem Hilfsarbeiter mit Lese- und Schreibschwäche 280 000 Franken zu viel Steuern abknöpften, weil er mit der Steuererklärung überfordert war – und nichts davon zurückzahlen können wollten, weil das Steuerverfahren korrekt abgelaufen war. Erst ein Beschluss der Gemeindeversammlung setzte dann Gerechtigkeit vor Recht und damit eine Rückzahlung der Gelder an den Ruinierten in Gang.

Wer sich einmal die Mühe macht, im Bundesarchiv die Apartheidsakten zu wälzen, in denen fein säuberlich festgehalten ist, wie Verwaltung und Wirtschaft kungelten, um die Sanktionen gegen Südafrika zu umgehen, hat ein anschauliches Beispiel dafür, dass Recht haben und gerecht sein eben nicht deckungsgleich sein müssen. «Jeder, der irgendetwas von Sauberkeit sagt, der lügt. Die Schweiz ist dreckig!», sagte «Simeliberg»-Autor Michael Fehr zur Lancierung seines Buchs in einem Interview mit der Schweizer «Zeit», in dem er ausführte, woran er an seiner Heimat leidet: «Dass wir Konzerne beherbergen, womit wir uns verantwortlich machen für massenhaft Lebewesen. Das ist für mich Leiden. Aber ohne diese Konzerne könnten wir nicht unsere Privilegien geniessen, wie wir das heute tun.» In demselben Interview deutet Fehr an, dass Griese, der Graue, in seinem Buch ein Sinnbild ist für den Fremden, den Aussenstehenden, den wir als Schuldigen brauchen. Tatsächlich aber, so lese ich jedenfalls das Buch, sind wir selbst die Grauen, wir, die in diesem Land geboren sind und jetzt irgendwo dazwischen leben, in diesem grossen Grau zwischen den bäuerlichen Wurzeln unserer Herkunft (schwarz) und der Welt der Verwaltungstrakte und Bürotürme (weiss). Was hier in eine Dystopie der gelebten Gegenwart münden könnte, in dunkler Verzweiflung über die graue Welt oder in heller Hoffnung auf eine erlösende Ideologie, löst sich in «Simeliberg» am Schluss wieder grandios im grossen Grau auf. Wie man als schuldlos Schuldiger darin trotzdem nicht verzweifeln muss, sagt Autor Fehr ebenfalls im «Zeit»-Interview: «Kritisch bleiben, hinterfragen, stören.» So wie Griese.

Landeanflug auf den Flughafen in Tel Aviv. Führt unsere rasende Entwurzelung dereinst zum Fanal, auf das Michael Fehr seine Geschichte zusteuert, als sieben Dorfjugendliche als paramilitärische Truppe – blind geworden vom Ultra-nationalismus, den ihnen der krude Bauer Schwarz für seine kommunistische Mars-Mission eingetrichtert hat – beim Hantieren mit Schiesspulver den Bauernhof mitsamt sich selbst in die Luft jagen?

Gelandet. Willkommen in Israel.


Buch: Michael Fehr: Simeliberg.
Luzern: Der gesunde Menschenversand, 2015.