Brief aus der Romandie (neuf)

Ich halte bisweilen inne unter einem Wort / Unsicheres Obdach für meine Stimme die zittert / Und gegen den Sand ankämpft / Doch wo ist meine Wohnung / Oh Dörfer des Windes / So rück ich von Wort zu Wort / Zum ewigen Schweigen vor.» Am 16. Januar 2017 starb die Dichterin Anne Perrier 94-jährig […]

Ich halte bisweilen inne unter einem Wort / Unsicheres Obdach für meine Stimme die zittert / Und gegen den Sand ankämpft / Doch wo ist meine Wohnung / Oh Dörfer des Windes / So rück ich von Wort zu Wort / Zum ewigen Schweigen vor.» Am 16. Januar 2017 starb die Dichterin Anne Perrier 94-jährig in Saxon. Ihre schlichten, musikalischen Verse sprechen bildstark von Leben und Tod, von den Pflanzen und dem Licht des Südens. 2012 wurde ihr Werk mit dem französischen Grand Prix national de la poésie ausgezeichnet. Auf Deutsch übersetzt ist einzig der Band «La voie nomade» / «Die Nomadenspur», von Manfred Bauschulte (Howeg, 2002).

Catherine Safonoffs «La distance de fuite» (Zoé, 2017) ist ein persönlicher Lebensbericht, wie schon «Le mineur et le canari» («Der Bergmann und der Kanarienvogel»; Rotpunkt, 2015). Diesmal liest die Erzählerin intensiv Ramuz, bevor sie den Grand Prix Ramuz 2015 entgegennimmt. Mehr altersmutig als altersmilde lässt sie sich auf Begegnungen ein, die nicht immer gut enden: mit einem papierlosen Immigranten, mit strafgefangenen Frauen im Rahmen einer Schreibwerkstatt, mit Touristen und Passanten. Und mit der Literaturkritikerin, die gerade ein Buch über sie schreibt. Dieses Buch – es heisst «Catherine Safonoff, réinventer l’île» und ist von Anne Pitteloud – erscheint gleichzeitig bei Zoé und gibt einen guten Einblick in Schreibweise und Themen der faszinierenden Genfer Autorin.

«Keine Dokumentationskunst / ohne Trauergesang» – dies die Devise von Muriel Pic, die in ihren «Élégies documentaires» (Macula, 2016) Archivmaterial mit «Elegien» verbindet, im Dialog mit Kafka, Brecht, Sebald und anderen. Welche Konzepte von Arbeit und Freizeit prägen verschiedene Gesellschaften? Den Anfang macht Prora, ein unter dem Naziregime gebauter Ferienort auf der Insel Rügen. Bilder und Texte knüpfen ein feines Netz, so zwischen der Fotografie von Prora im Winter mit eisstarren Meereswellen und dem Satz von Kafka: «Ein Buch muss die Axt sein für das gefrorene Meer in uns.»

 


Ruth Gantert
ist Redaktionsleiterin des dreisprachigen Jahrbuchs der Schweizer Literaturen «Viceversa» und der Plattform www.viceversaliteratur.ch. Sie lebt in Zürich.