Brief aus dem Tessin (nove)

Vor deiner Haustür liegt nun viel trockenes Laub, / seit du gestorben bist, wischt es niemand mehr auf. / Du machst dich auch morgens in der Früh nicht mehr frisch / und schaust auch, den Tag begrüssend, nicht mehr um dich. / Auch der Postbote geht nun an deiner Haustür vorbei / und sagt nicht […]

Vor deiner Haustür liegt nun viel trockenes Laub, / seit du gestorben bist, wischt es niemand mehr auf. / Du machst dich auch morgens in der Früh nicht mehr frisch / und schaust auch, den Tag begrüssend, nicht mehr um dich. / Auch der Postbote geht nun an deiner Haustür vorbei / und sagt nicht mehr ‹Nein, danke› zum Gläschen Wein, / zu dem du ihn jeweils einludst mit einem Lächeln. / Hat auch er dein schönes Gesicht schon vergessen?» (Giovanni Orelli, «An eine Verstorbene»)

Nun ist im Alter von 88 Jahren Giovanni Orelli gestorben, «ein kultivierter und gebildeter Mann, der den Duft des Heus nicht vergessen hat» (P. Gibellini), und einer der letzten Vertreter einer starken Generation von Tessiner Lyrikern. Er war Lehrer, Politiker und Schriftsteller, Autor des berühmten Buchs «Lʼanno della valanga» (auf Deutsch «Der lange Winter») sowie unzähliger Gedichtsammlungen, von denen mindestens «Né timo né maggiorana» (1995) und «Un eterno imperfetto» (2006) zu erwähnen sind. Zuletzt erschienen die beiden so mutigen wie sorgfältigen Bände «Un labirinto» (ADV, 2015) und «Accanto a te sul pavimento» (Interlinea, 2016). Sie bilden den Abschluss einer Karriere, die ganz der Kultur, dem Unterrichten und dem Engagement für eine – vielleicht – bessere, würdigere Existenz gewidmet war.

Eine Sammlung von Gedanken und autobiographischen Fragmenten hat Cristina Castrillo, eine der wichtigsten Theaterschaffenden des Tessins, vorgelegt. Die gebürtige Argentinierin gründete 1980 das geschichtsträchtige Teatro delle Radici, war für Generationen von Theaterschaffenden eine wichtige Bezugsperson, schrieb Drehbücher und arbeitete als Regisseurin, Schauspielerin und nicht zuletzt auch als Pädagogin und Lehrerin. «Tracce», erschienen bei Edizioni Ulivo, ist ein Buch in Gedichtform, eine Sammlung von Texten über das Theater, aber auch über die Kindheit, das Menschsein, die Ursprünge. Denn wie sie selbst schreibt: «Eigentlich ist es ganz einfach: Theater machen heisst, ein Zuhause zu suchen.»

 


Andrea Bianchetti
ist Dichter und arbeitet als Kritiker für RSI (Rete Due). Er ist auch Redaktor der Literaturzeitschrift «Cenobio» und lehrt Italienische Literatur an verschiedenen Tessiner Gymnasien.


Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Sauser.