Unter der kugel-unsicheren Weste

Eine gehörige Portion Wagemut, zwei gut funktionierende Augen, etwas sprachliches Handwerk – und fertig ist die Kriegsreportage? Mitnichten. Sie mag sich mit dem sezierenden Blick der Kriminalbeamtin schützen und sich ins Beobachten von Details flüchten: den Fragen um den Sinn ihres Tuns entkommt die Reporterin nimmer.

Unter der kugel-unsicheren Weste
Irena Brežná(dritte v.l.), photographiert von Valery Shchekoldin.

Ich bin zum ersten Mal Kriegsreporterin, und vor mir liegt meine erste Kriegsleiche. Als ich das schwarze Loch erblicke, das sich anstelle des Gesichtes im Schlamm öffnet, wende ich den Blick ab, bedecke das Gesicht mit den Händen, trete zurück, stimme in das Geheul der Bäuerinnen ein, mit denen ich den Fund gemacht habe. lch folge einem Instinkt. Mein zweiter, ebenfalls bloss sekundenlanger Blick ins Loch ist ein anderer, er ist schon bewusst, ein Willensakt, ich besinne mich auf meine Rolle und zwinge mich, die von den Ratten ausgefressene Leere mit den Augen abzutasten, um später davon Zeugnis abzulegen. Ich habe damit auch eine Kriegsmetapher gefunden. Zunächst mal ist aber das Loch eine neue, erschreckende Wahrnehmung, und ich vertraue sie dem Gedächtnis an. Ich gehe im März 1996 durch die Ruinen des tschetschenischen Dorfes Sernowodsk wie eine Somnambule im Zustand der luziden Konzentration. Ungeheure Verschiebungen der gewohnten Konstellationen der Dinge stürzen auf mich ein, drohen meine Sinne zu sprengen. Die einheimischen Frauen haben mir ein Kopftuch umgebunden, mir dadurch die Rolle der Spionin zuerkannt, zu der ich mich selbst gemeldet hatte. Eine Denunziantin des Unrechts soll ich werden.

Ich lasse mein bisheriges Leben bei den russischen Panzern vor der Dorfabsperrung zurück und sorge mich darum, ob das Gedächtnis, mein einziger Mitarbeiter und Werkzeug, nicht vor Überforderung kollabiert. Behutsam behandle ich dieses Organ, lege die Eindrücke säuberlich getrennt voneinander in eine Art Archiv, dessen Kapazität ich noch nicht kenne. Es ist eine neue Arbeitsweise ohne Tonband, ohne Notizen, in Eile während ein paar Stunden im Durcheinander des Dorfes, das eine Woche lang bombardiert worden ist. Ich greife zufällige Bildausschnitte auf, starre auf etwas, bleibe mal stehen, dann friere ich das Bild mit Worten ein, sage die Sequenz ein paar Mal für mich. Es sind ungewohnte und doch identifizierbare Bilder, die sich meine Wahrnehmung aussucht. Erfolgt die Selektion nach einem Prinzip?

Meine Sprache in diesem Dorf ist das Russische, mit ihrer Hilfe schneide ich die Flashes heraus und archiviere sie. Seit Tagen spreche ich nur Russisch, meine slowakische Muttersprache wie auch meine deutsche Schreibsprache haben sich von mir entfernt, tauchen nur selten und blass als einzelne Worte auf. Da breitet sich vor mir der Hauptdarsteller des zerstörten Dorfes aus, der allgegenwärtige Schutt, aber dies ist auch nicht annähernd das passende Wort dafür, was wir in den Höfen, Häusern, Ställen, auf Strassen vorfinden. Ich murmle auf Russisch: oskolki, oblomki, Splitter, Bruchstücke, rufe das Slowakische herbei: črepiny, prach, Scherben, Staub, füge das deutsche Wort Trümmer hinzu. Dieses Gemisch aus Materialien, diese verletzten, geschändeten Formen haben keine Namen. Es sind Dinge im Ausnahmezustand, für die kein Vokabular entwickelt worden ist. Auch für ihre Besitzer sind sie bloss Ableitungen der alten nützlichen Gegenstände. Für sie gibt es in den verschiedenen Sprachen nur Sammelbegriffe, obwohl diese Teile, Stückchen, Fetzen durch die Wucht des Krieges individuell geschnitzt und in einen Zusammenhang zu anderen Teilen gebracht worden sind, die sie sonst nie erfahren hätten. Gerade durch das Sprengen ihrer ursprünglichen Formen und durch die neue Gestaltung bekommen die Teile für mich ein Eigenleben, ein invalides, ein zerrissenes. Ihr Schmerz berührt mich. Sie sind soeben verwandelt worden, haben keine Funktion mehr und werden als namenloser Schutt wieder weggefegt oder zurechtgebogen oder ersetzt durch Formen, die man auseinanderhalten und benennen kann.

 Ich sehne mich nach einer Sprache, die all diese Dinge, die keine Dinge im herkömmlichen Sinne mehr sind, in ihrem neuen Stillleben im Krieg präzise beschreiben könnte. So ohne eine Sprache fallen sie wieder auseinander, die Wahrnehmung verweigert die Weitergabe ans Gedächtnis. Ich habe längst vergessen, wie ein Hof voll des nichtssagenden Wortes Schutt aussieht, nur einzelne fassbare Bilder…