Buch für eine Nacht

Bern – La Côte-aux-Fées: 1 Stunde, 51 Minuten

Buch für eine Nacht
Francesco Micieli, photographiert von Michael Wiederstein.

Das Buch liegt da. Jemand hat es für mich vergessen. Ist es diese Frau, die vorbeigeht und mich mit ihren dunklen Augen anschaut? Der Blick erzeugt einen kurzen Sog, der mich aus der Logik herauswirft – in der S-Bahn nach Neuenburg. Auf dem Weg zu einem wunderbaren Auftrag. Ich darf für einen Kollegen eine Bibliothek bestücken, in seinem «Bed & Breakfast», das er in La Côte-aux-Fées einrichtet. Noch ist alles in den Anfängen, aber eben da ist der zu erschaffende Raum am grössten. Die grünen Kornfelder verbeugen sich in Wellen vor dem Wind. Ich öffne das Buch. Kein Name steht drin. Keine Widmung.

Die Fahrt erinnert mich an die Besuche bei Agota Kristof. Aber das vergessene Buch ist das eines anderen Kollegen von mir, Pierre Lepori. Soll es mich daran erinnern, dass wir uns schon lange nicht mehr gesehen haben? «Sexualität», übersetzt von Jacqueline Aerne. Ein Mann geht einfach mal weg, er verlässt alle und alles. Die Weite der Landschaft draussen schlägt mir vor, das auch zu tun. Weg! «Spick mi furt vo hie!» Weg und weg sind sich nah.

«Zwei Bilder: da eine wunderschöne Frau mit aschblondem Haar, kleine Fältchen im Gesicht, in den Augen Wut.» War sie das? Die Frau mit den dunklen Augen? Aber sie hatte nicht blondes Haar! «Den Lauf der Zeit kann man nicht zurückgehen, ohne Gewissensbisse in Bewegung zu setzen.»

Ich habe mir Listen von Büchern gemacht, die ich dem Örtchen La Côte-aux-Fées vorschlagen will. Habe versucht, mir vorzustellen, was man in einer solchen Umgebung, in einer solchen Landschaft mit eingebauter Uhrenfabrik lesen möchte. Es braucht kurze Bücher für die, die nur eine Nacht bleiben. Das Buch für eine Nacht. Aber auch das Buch für Langläufer, denn hier liegt Schnee im Winter.

Draussen ruft der Neuenburger See. Er zeigt seinen Glanz, seine Magie und spiegelt die Alpen. «Es ist alles bestens, ich habe den Kopf erhoben, ihn aus dem Wasser gestreckt, frische Luft geschnappt: Ich atme wieder…»

Das Buch stand nicht auf meiner Liste. Nun ist es das Buch für eine lange Nacht.

 

Francesco Micieli ist Schriftsteller und hat auf Reisen stets ein Buch für uns dabei. Von ihm zuletzt erschienen: «Der Agent der kleinen Dinge» (Zytglogge, 2014).