Herr Mezger, wo nehmen Sie eigentlich Ihre Ideen her?

Schlussfrage / II

Herr Mezger, wo nehmen Sie eigentlich Ihre Ideen her?

Wie viele Ideen braucht es für einen Text? Maximal eine. Allerhöchstens zwei. Ab drei hast du dich verzettelt. Was ist das, eine Idee? Sie ist diese Stimme, die sagt: Dies und jenes könnte man doch mal machen! Meist gibt es für dies oder jenes, das man doch mal machen könnte, keinen wirklich zwingenden Grund. Und meist bedeutet dies oder jenes anzugehen monate- oder gar jahrelange Arbeit. Habe ich also so etwas wie eine Idee, dann jage ich sie besser schnellstmöglich zum Teufel.

Schriftsteller brauchen keine Ideen, sie brauchen Lösungen. Wie bekomme ich die Figur an dieser oder jener Stelle von dieser zu jener Stelle? Wie kann er hier seiner Mutter endlich sagen, dass er schon seit Jahren nicht mehr mit Sandra zusammen ist? Es soll kein Einfall, es soll zwingend sein. Eigenes Beispiel: Einen Roman in der Wir-Form zu schreiben scheint eine schlechte Idee, aber es war gar keine. Die Form war irgendwann da, war zwingend und zwang später so manches andere, sich ihr zu fügen. Und es bedurfte so einiger Lösungen für so einige Szenen. Hierfür brauchte es weniger Ideenreichtum als Durchhaltewillen. Ich bin nicht kreativ, ich kämpfe mir mit der Machete einen Weg durch den Stoff-Dschungel. Dennoch habe ich sie immer wieder: Ideen. Es ist schrecklich. Wie Pickel. Wenn man sie ausdrückt, werden sie grösser. Man kann nur hoffen: Wenn ich reifer bin, bin ich sie los.

Ideen sind etwas für die, die sich «die Kreativen» nennen (Schriftsteller tun das nie). Kaum jemand braucht zwingend einen Kleinwagen oder Superkleber, also braucht ein Kreativer einen Einfall. Hey, wir montieren das Auto an die Bahnhofshallendecke und behaupten, er sei halt so leicht oder der Kleber so super! Und wenn ich dann drunterstehe, so denke ich wohl kaum: Ja, so ein Ding brauche ich auch! Ich denke: tolle Idee.

Doch die Frage nach den Ideen ist sowieso bloss Tarnung. Tarnung für die heimliche Unterstellung, man habe ja in Wirklichkeit gar keine Ideen. Man schreibe ja eigentlich bloss ab. Im schlimmsten Fall: vom Leben.

 

Irgendwann gegen Ende einer Leseveranstaltung wird endlich die Runde geöffnet und das Publikum darf Fragen stellen. In der Kolumne «Schlussfrage» gibt der Schriftsteller Daniel Mezger Antwort. Ein für alle Mal. Nächsten Monat: «Herr Mezger, ist der Text autobiographisch?»