Marakuda below

Gewinnertext des 3. TREIBHAUS-Literaturwettbewerbs

Marakuda below

Mir war langweilig. Um mich herum war alles abgegrast. Ich hatte jede Regung, die in der Luft lag, gierig aufgesogen und desinteressiert wieder ausgeatmet. Die Menschen, die ich ansprechen und ein bisschen festhalten konnte, habe ich ausgequetscht. Habe ihnen Fragen gestellt und viel genickt. Ich habe geduldige Gedanken geübt, habe sie vor dem Frühstück trainiert und bei all dem nichts Neues erfahren. Mein Horizont war ganz genau leer. Ausgeweidet lag er vor mir auf dem Küchentisch, und es fand sich nirgendwo Musik darin und niemals keine Regenbogen. Es schlüpften leider keine vergessen gegangenen und wieder erinnerten Freunde daraus, nein. Nein. Nein. Keine Menschenseele weit und breit, die mir den trüben Schleier von der Netzhaut knabberte.

Nützt es etwas, in der Mottenkiste der verstaubten Tricks herumzuwühlen? Da war doch etwas. Noch einer war da drin. Tief, tief unten fand sich noch ein klitzekleiner Trick gegen die Melancholie dieser alten Echse. Grüngelbrosafarbenes Dress, schmiege dich an mich! Dicke, dicke Fettfarbe, schmier dich auf mein Gesicht! Ich legte das grüngelbrosafarbene Dress an, die dicke, dicke Schminke auf und übte einen geduldigen Gedanken. Man kann nicht erwarten, dass es einen einfach so findet. Man muss ihm Zeichen geben, Wege weisen. Also begab ich mich wieder auf die Strasse und wartete diesmal nun klar angeschrieben. Die Stadt war während eines Kollektivausflugs ins Nirgendwohin verschwunden, die meisten Klubs standen leer. Die Nacht durch bestellte ich Mixgetränke und legte häufchenweise Bargeld auf den Tresen, das für niemanden bestimmt war. Doch keiner kam. Ich klemmte mir ein Tütchen in den Mundwinkel und legte mich auf den Gehsteig, den Blick gen Himmel gerichtet. Goldner Himmel. Hurtig entfloh meiner rüden Lippe ein Gebet wie ein unerwünschtes Kind. Es schlüpfte durch die Barrikaden geschworener Unheiligkeit und besang meine Klage an die Welt: Goldner Himmel, wie konnte es so kommen? Ich war jung und erhoffte doch alles. Und jetzt? Jetzt wohne ich in einem Zwischenraum. Einem provisorisch eingerichteten Durchgang zwischen zwei Ereignissen. Ich stecke fest. Die Türe, hinter der sich das blühende Leben befinden soll, habe ich zu suchen vergessen. Und weisst du, was ich blöd daran finde, Himmel? Ich habe mich damit abgefunden. Genau wie mit meinem Überbein, das man nicht wegschleifen kann. Die können sich ja zusammentun, das Überbein und mein Leben. Seit wann bin ich so, wie ich bin? Eine Warteraumexistenz. Eine Transitkreatur. Traumlos wie ein angespülter Kühlschrank am Meeresufer? Alter Staub auf einer Zimmerpflanze. Aus Plastik!

Sag mal, Marakuda, wie lange liegst du schon auf dem Gehsteig und wartest, dass ETWAS passiert?

***

Kennen Sie den Fluch des Wartens? Nämlich dass es sich plötzlich, nach einer Weile neutralen Daseins, als eine Tugend auszugeben beginnt? Ja? Sie kennen das Phänomen? Warum ich an diesem Punkt nicht aufmuckte, nein, im Gegenteil diese Verkehrung noch richtig dankbar annahm, liegt wohl an der traurigen Fähigkeit, Sinnlosem, offensichtlich Falschem einen guten Zweck verleihen zu können. So gedreht, erschien mir mein Aufenthalt in diesem stillgelegten Gummitunnel, in dem ich lebte, wie eine Pilgrimage, die mich, zwar an Ort und Stelle tretend, schlussendlich vor…

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Peter Stamm, Schriftsteller,
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