Das östliche Ende der Fränkischen Schweiz: Bern–Bayreuth: 7 Stunden, 27 Minuten

Micieli reist

Ich reise nach Bayreuth, denn dort bin ich vom Lehrstuhl Interkulturelle Germanistik eingeladen, über «Schreiben für Musik» zu sprechen. Meine Begleitung: das erste Buch von Sebastian Steffen, «Aschtronaut unger em Miuchglasdach», erschienen beim Verlag «die Brotsuppe» in Biel.

«Füf Jahr sy mir zäme gsi. D Sofie und ig.»

Als ich in Basel in den Zug nach Karlsruhe umsteige, werde ich von einer Studentin mit teurem Rucksack in den Wagen gedrückt. «Pardonnez-moi», sagt sie, so als würde sie «Weg da!» sagen. Danach aber ein wunderbares Lächeln.

«Me sött sich nid am ene Frytig trenne. Mir sy näbenang uf em Sofa ghocket und hei ds Nötigschte besproche.»

Der Held des Romans wird durch die Trennung von Sofie völlig aus der Bahn geworfen. Ähnlich ergeht es mir, als die Studentin plötzlich wieder hinter mir steht. Ich weiss, dass sie Studentin ist, weil sie es mir bald gesagt hat, als hätte sie etwas zu gestehen. Auch als wir beide in den Zug nach Nürnberg umsteigen, geraten wir sitzend ins gleiche Abteil. Ihr Rucksack ist ein Sandqvist, auch der Rest ihrer Ausstattung sieht nach diesem bunten Leben in frostigen Nadelwäldern aus, das junge Grossstädter heute erträumen.

Ob ich die Fränkische Schweiz kenne, fragt sie mich. Ich habe sie so erstaunt angeschaut, dass sie mir zur Beruhigung einen Früchteriegel anbietet. Nein, ich kenne sie nicht, diese Schweiz, sage ich. «Ich reise nur nach Bayreuth.» Aber ja, das sei doch ganz in der Nähe, Bayreuth, sagt sie, sei das östliche Ende davon. Ich erinnere mich, gelesen zu haben, dass im 19. Jahrhundert Landschaften mit Bergen und Felsen gerne mit «Schweiz» bezeichnet wurden. Sie sei eine Burgenwanderin, sagt sie, mit ihrer Outdoorhose knisternd. Und in welcher Sprache ich da lese, will sie wissen. Ob «Miuchglasdach» Niederländisch sei? In Nürnberg steigt sie aus, nachdem sie mit überzeugender Vehemenz ihren Rucksack über die Schultern gezogen und mir die Hand gegeben hat.

«We me sich am Mäntig trennt, isch d Chance vom ene Absturz chlyner.»

 


Francesco Micieli
ist Schriftsteller und hat auf Reisen stets ein Buch für uns dabei. Von ihm zuletzt erschienen: «Der Agent der kleinen Dinge» (Zytglogge, 2014)