Was die Redaktion sonst noch las…

Irvine Welsh «Skagboys» (Heyne, 2015; übersetzt von Daniel Müller) / Die Szene, die Mark Renton zu dem Mark Renton macht, den Millionen von Kinobesuchern bei einem Tauchgang in eine Toilette (und beim kalten Entzug) beobachteten, hat es in sich: Mit seinem Vater Davie und dessen Gewerkschaftskollegen nimmt er am Bergarbeiterstreik vor der Kokerei in Orgreave […]

Irvine Welsh «Skagboys» (Heyne, 2015; übersetzt von Daniel Müller) / Die Szene, die Mark Renton zu dem Mark Renton macht, den Millionen von Kinobesuchern bei einem Tauchgang in eine Toilette (und beim kalten Entzug) beobachteten, hat es in sich: Mit seinem Vater Davie und dessen Gewerkschaftskollegen nimmt er am Bergarbeiterstreik vor der Kokerei in Orgreave teil und muss zusehen, wie der Protest in einem katastrophalen Blutbad endet. Die sich nun entspinnende Vorgeschichte zu «Trainspotting», dessen Fortsetzung momentan in den Kinos läuft, verschiesst ihr Pulver damit aber leider gleich am Anfang, danach plätschern Geschichte und Dialoge eher unmotiviert vor sich hin, die Figurenentwicklung wird zugunsten grob-peinlicher Scherze hintangestellt. Genrefans mag das freuen, Freunde des Doppelbödigen eher nicht. (MW)

 

Christoph Ransmayr «Cox oder Der Lauf der Zeit» (S. Fischer, 2016) / Zwar gehen die Meinungen redaktionsintern auseinander, aber Christoph Ransmayers neustes Werk ist der geneigten Ransmayer-Leserin etwas zu süss, etwas zu verzaubert, etwas zu technisch. Hermetisch wird hier der Bau mechanischer Spieluhren zur Erzählformel und die Erteilung des Auftrags an den englischen Uhrenbauer zur aufrührerischen Infragestellung des chinesischen Kaisers – also seiner eigenen Regentschaft, hat der «Herr der zehntausend Jahre» die Uhren doch bestellt. Höhepunkt bildet hingegen die Reise der «Langnasen» zum «Grossen Drachen» – der Chinesischen Mauer – zu Recherchezwecken, in Begleitung sechs stummer Krieger, bewaffnet bis unter die Zähne. Das Reisen mit Ransmayer ist und bleibt unheimliche und unheimlich gute Lektüre. (SJ)

 

Bob Dylan «The Lyrics: 1961–2012» (Simon + Schuster, 2016) / Die Texte aller Dylan-Songs, vereint in einem Buch: Gedichte, Shortstorys, Filmscripts, Traumprotokolle, Romane und Tagebücher. Und mehr. Der engagierte Journalismus der frühen 60er, die Frömmeleien der späten 70er, das Memento mori aus New Orleans, das Meisterwerk vom 11. September 2001 und die Lügenmärchen von 2012. Beeindruckend. Ein Dylan für jede Stimmung. Dass das Buch bezahlbar ist, geht indes mit dem schmerzhaften Verzicht auf Reprografien der Plattenumschläge und Begleittexte einher. Zum Glück gibt es lektüre-begleitend die 47-CD-Box des Gesamtwerks, wo man diese nachlesen kann. Trotzdem könnte der Meister jetzt endlich mal aufhören, seine immer jüngeren Jünger zu melken. (GS)