Der Beobachtungsposten

Siegertext des ersten TREIBHAUS-Durchgangs im Jahr 2016, ermittelt durch Jury und Publikum am 11.5.2016 im Zürcher «Kaufleuten».

Es wurde dunkel, als der Gefreite seinen Posten einnahm. Auf viertausend Metern Höhe verschwand der Abglanz der Sonne im Grau hinter dem Gebirge. Das zu beobachtende Tal lag im Nebel, die Umrisse der toten Stadt zwischen den Gräben markierten die Frontlinie. Vom Belagerungswall war nichts zu sehen, obwohl der Gefreite immer gehört hatte, dass er sich bis in die Stratosphäre erstrecken sollte.

Der Wind blies aschgrauen Schnee durch die Scharte des Beobachtungspostens ins Gesicht des Gefreiten. Er zog seinen Mantelkragen und den Schal hoch, verriegelte die gepanzerte Schutzplatte wieder und setzte sich zurück auf den Schemel. Die Kälte blieb. Der eiserne Ofen erfüllte den Bunkerraum bloss mit Rauch. Der Gefreite deckte seine Beine mit der Filzdecke zu, richtete den Stahlhelm zurecht und stellte sein Gewehr an der feuchten Wand ab.

«Wo ist eigentlich Ihr Marschbefehl?», erklang eine leise Stimme hinter ihm.

«Den habe ich Ihnen zur Kontrolle auf das Pult gelegt, Herr Wachtmeister.»

«Ich habe bei der Führung keine Reserve aufgeboten.»

Ohne seinen Blick von der Betonwand abzuwenden, antwortete der Gefreite dem Wachtmeister, der im Dunkel hinter ihm sass. Er wollte ihm nicht ins Gesicht sehen.

«So steht es aber auf dem Befehl.»

«Wissen Sie, woran ich jemanden erkenne, der das erste Mal nahe der Frontlinie ist, Herr Gefreiter? Der Letzte, den sie mir geschickt haben, hat pausenlos durch das Loch in die Landschaft gestarrt. Wie Sie. Als wäre er noch nie aus der Festung rausgekommen, als hätte er noch nie den Wall gesehen.»

«Ist denn das nicht die Aufgabe eines Beobachtungspostens?»

Der Gefreite hörte, wie Spucke auf den Betonboden flog. Der Wachtmeister erwiderte mit kaum veränderter Stimme stoisch, als hätte er dieses Gespräch schon unzählige Male geführt.

«Sie sind auch so einer, nicht wahr? Das erste Mal draussen. Nicht zuhause in der Festung. In ihrem schützenden Berg. Woher kommen Sie eigentlich?»

Der Gefreite stand auf, lief zum Tisch in der Ecke des engen Raumes, um die darauf platzierte, von zähem Staub und Russ bedeckte Funkanlage zu begutachten. Konzentrierte sich darauf, seine Augen nicht zum Mann auf der anderen Seite wandern zu lassen und trotzdem höflich zu wirken, als er ihm Antwort gab. «Osten, Herr Wachtmeister.»

«Osten. Woher genau? Wie lange ging Ihre Fahrt?»

«Zentrale Ostalpen. Fünfeinhalb Stunden mit der Röhre.»

«Und welche Einheit?»

«Führungsunterstützung, Herr Wachtmeister. Ich bin Funker.»

«Erzählen Sie mir, was ein Funkergefreiter aus dem Osten, so weit weg von zuhause, auf meinem Beobachtungsposten verloren hat?»

«Ich wurde von der Führung als Reservewachmann hierhin versetzt.»

«Lügen Sie nicht.»

«Ich lüge nicht, Herr Wachtmeister.»

«Sie sehen aus, als wären Sie gerade aus einer Militärakademie entlassen worden. Wenn wir denn noch welche hätten. Und Ihre Augen sind nicht diejenigen eines Soldaten, der widerwillig aus seinem angestammten Platz gerissen wurde. Ich sehe es, auch wenn Sie mir nicht ins Gesicht sehen wollen. So wie alle anderen vor Ihnen. Jemanden wie Sie versetzt man nicht. Nein. Sie haben einen anderen Grund, weshalb Sie hier sind. Und bevor diese Schicht zu Ende ist und, so der Herr will, die Sonne wieder aufgeht, werden Sie ihn mir verraten haben.»

Der Gefreite sah wieder durch die Scharte. Die einzige Art Fenster in dem aus Beton gegossenen Beobachtungsposten, der von ihren Vorfahren vor Jahrhunderten in das Innere des Gletschers getrieben worden war. Er sah schemenhaft ein Gewirr aus Spalten und Gräben, Schnee legte sich in Stille über schwarze Steinlawinen. Immer wieder blickte er dazwischen auf das Blatt Skizzenpapier, das er auf seinen Beinen so stabil wie möglich platziert hatte. Trotzdem konnte er kaum einen geraden Strich zeichnen, der Bleistift versuchte immer wieder, sich durch das von der Feuchtigkeit aufgeweichte Papier zu bohren.

«Was sind Sie, ein Künstler?»

«Manche reden. Andere schreiben. Ich zeichne, Herr Wachtmeister.»

«Sind Sie also verantwortlich für solche Plakate?»

Der Gefreite hörte, wie der Wachtmeister von seinem Pult aufstand und mit der Hand gegen etwas klatschte, das an der Betonwand hing. Er sah nach hinten. Ein vergilbtes Plakat hing etwas schräg an der Wand. Zeigte einen Mann und eine Frau, wie Adam und Eva, mit Schwert und Schild statt den Feigenblättern standen sie in heroischer Pose, die Blicke gen Himmel gerichtet. Hinter ihnen der Berg im Strahlenkranz, majestätisch, beleuchtet von der aufgehenden Sonne. Das Rot und Gelb war verblasst, der Schriftzug in dicken Buchstaben noch erkennbar.

«Der Berg ist unser Verbündeter», las der Gefreite laut vor.

Wieder spuckte der Wachtmeister. «Der Berg ist ein Arschloch. Und er hasst uns. Weil wir sein Fleisch aus ihm heraussprengen und uns in seinen Eingeweiden verstecken. Wir kriechen wie die Maden in ihm herum. Der Feind lacht über uns, wenn er denn lachen könnte, während wir uns selbst begraben. Warum zeichnen Sie?»

«Ich zeichne für meine Tochter.»

Der Wachtmeister schwieg lange. Kam dann näher an ihn heran. «Sie haben keine Tochter. Genauso wenig wie ich ein Gesicht habe.»

Noch immer sah er den Wachtmeister nicht an. Er stand auf und ging einige Schritte von ihm weg. Faltete die Skizze sorgfältig zusammen und legte sie in seine Lederbörse, die er wieder in der Manteltasche verstaute. «Sie ist der Grund, weshalb ich hier bin. Der Sold in den Aussenposten ist besser als in den Zentren der Festung.»

Der Wachtmeister folgte ihm wie ein Schatten und kam bedrohlich nahe.

«Haben Sie mich nicht verstanden? Sehen Sie mich an.»

Es war nicht das fahle Licht der Deckenlampe, die das Gesicht des Wachtmeisters wie eine Maske erscheinen liess. Die grauen Augen waren noch die seinen, der Rest nicht. Der Gefreite hatte Geschichten von ihm gehört, bevor er den Marschbefehl erhalten hatte. Ein Held sei er. Sein von Granatsplittern zertrümmertes Gesicht eine Mahnung und Aufforderung zum Heldenmut für alle Verteidiger der Festung. Eine Ehrenmedaille, die sein Antlitz erstrahlen liess, so wie es einst war. Man hatte ihm den gesamten Unterkiefer nachgebildet, kantig und hart. Die hohen Wangenknochen, eine makellose Nachbildung der Haut aus wachsartigem Kunststoff. Sogar den stolzen, spitzen Schnauzbart, den er nicht mehr pflegen musste, weil er jetzt nicht mehr weiterwachsen konnte. Eine geschwungene Trennungslinie zog sich vom linken Ohr schräg unterhalb der Augen über die Nase bis zum rechten und liess den Ansatz der Prothese erkennen.

«Wissen Sie, was ich getan habe?», fragte der Wachtmeister.

Der Gefreite nickte. Der Wachtmeister ging wortlos an ihm vorbei, setzte sich auf den Schemel vor der Scharte und nahm das Gewehr, das der Gefreite zuvor an der Wand angelehnt hatte. Er stellte den Kolben auf den Boden und setzte sich den stählernen Lauf an den Unterkiefer.

«Meine Heldentat», sagte er, «macht sich nicht sehr gut in den offiziellen Verlautbarungen der Führung.» Er lockerte seinen Griff auf dem Lauf, so dass die Mündung direkt auf den Gefreiten zeigte. «Wollen Sie mein Porträt zeichnen, Herr Gefreiter? Für die Tochter, die nur noch in ihrem Kopf existiert?»

«Bitte stellen Sie das Gewehr zur Seite, Herr Wachtmeister. Es ist geladen. Man richtet die Waffe nie auf etwas, das man nicht treffen will.»

Der Wachtmeister hob den Kolben zu seiner Schulter und legte den Finger an den Abzug. «Warum sind Sie hier? Sie haben drei Antworten frei.»

«Sie sind verrückt.»

«Warum?»

«Ich habe es Ihnen bereits gesagt. Ich brauche den Sold für meine Tochter.»

«Noch zwei.»

«Ich wollte ein Gebirgskrieger sein. Wie in den Sagen, die sie im Innern der Festung über den alten Adel erzählen. Der Kampf Mann gegen Drohne im Schatten des Stratosphärenwalls. Glorreich. Für den Fortbestand der Menschheit.»

«Eine.»

«Drücken Sie ab.»

«Sie haben noch eine.»

«Ich wollte den Tod sehen. Es wurde von der Führung befohlen. Ich bin ihr lang verschollener Sohn. Ich bin gekommen, um Sie abzulösen. Sie von Ihren Sünden zu reinigen. Gott, ich weiss es nicht. Was wollen Sie hören? Legen Sie die Waffe zur Seite oder ich melde Sie dem Kommando. Sie kommen vors Kriegsgericht.»

«Tun Sie das nicht.»

Der Gefreite wusste, dass der Wachtmeister nicht abdrücken würde. Er ging auf den Tisch zu, wo die Funkanlage bereitstand. Er vergewisserte sich, dass die Frequenz stimmte, nahm den Hörer, drückte auf den Sendschalter und wartete einige Sekunden, bis die Verbindung aufgebaut war.

«An das Zentralkommando der Gebirgswehrkompanie, von Beobachtungsposten neun. Antworten.»

Das Funkgerät rauschte. Dann kam eine Antwort. Eine verzerrte Stimme, kaum hörbar. Sie war weiblich, noch jung.

«Hier Zentralkommando. Antworten.»

«Melde. Der Befehlshaber des Postens hat den Verstand verloren und bedroht mich mit einer Schusswaffe. Antworten.»

«Verstanden. Was ist Ihr Standort?»

«Beobachtungsposten neun.»

Knistern. Pfeifen.

«Nicht verstanden. Wiederholen.»

«Neun. Posten neun, verdammt. Ich bin von der Reserve.»

«Verstanden. Wir haben keine Reserve. Es gibt keinen Posten neun. Antworten.»

Der Wachtmeister stand auf, legte die Waffe beiseite und strich dem Gefreiten wehmütig über den Schnauz und das Kinn. Er nahm ihn in die Arme, drückte ihn fest an sich.

«Lassen Sie das arme Mädchen endlich in Ruhe. Wie oft müssen wir es noch durchspielen? Es ist jetzt schon das siebte Mal. Bitte melden Sie sich endlich von diesem Posten ab. Sie wissen die Antwort auf meine Frage. Sie wissen, was Sie hier beobachten. Weil ich es weiss.»

Die Schatten der Winternacht vergingen zwischen Scheinwerferlicht und Trommelfeuer der Flaks. Über dem Gebirge ging die Sonne auf, als würde sie den Berg in Flammen setzen.

Die Schicht endete.


Alexander Raschle
ist Gewinner des ersten TREIBHAUS-Nachwuchswettbewerbs 2016. Er ist tätig als Content Manager und New Media Specialist, Offizier der Schweizer Armee, verheiratet und Vater einer zweijährigen Tochter. Alexander Raschle wohnt in St. Gallen.


Im Treibhaus gibt der «Literarische Monat» literarischen Nachwuchstalenten eine Plattform.
Nächstes Finale: 23. September 2016, 19 Uhr, im TaK in Schaan Nächster Wettbewerbsdurchgang: 1. August bis 30. September 2016 (Prosa). Weitere Informationen: www.literarischermonat.ch/treibhaus