Der Glanz längst vergangener Zeiten

«All these double knit strangers with gin and vermouth. And recycled stories in the naugahyde booths» – Tom Waits

Der Glanz längst vergangener Zeiten
Stefanie Sourlier, photographiert von Ayse Yavas.

Manchmal verlieren sich Stammgäste von früher in die Bar, aus einer anderen Zeit, als mittags noch Champagner getrunken wurde und die frühere Besitzerin der Bar, Lydia, platinblond und grossbusig, der heisseste Feger im Quartier war, wie man sich erzählt. Da sich am Interieur nicht allzu viel geändert hat, glauben sie, sie seien immer noch da, wo sie vor dreissig, vierzig Jahren verkehrten. Sie kommen am frühen Nachmittag, wenn die Bar noch leer ist und der Abend jung: «I like the bars just after they open for the evening. When the air inside is still cool and clean and everything is shiny», heisst es bei Chandler. «I like the neat bottles on the bar back and the lovely shining glasses and the anticipation.»

Die Gäste aus früheren Zeiten tragen das graue Haar schwarz gefärbt und glänzend wie Schuhcreme, die Haut lederbraun, sie gehen auf die achtzig zu, sehen aber jünger aus, zumindest jünger verkleidet. Sie laden mich auf ein Glas Champagner ein. Lydia, die eigentlich gar nicht Lydia heisst, konnte angeblich drei Flaschen Champagner trinken, sonst trank sie Kirsch-Cola, nicht Cherry Coke, sondern Cola mit Kirsch. Lydia bevorzugte diese Angeberchampagnermarke, die ein leicht paranoider russischer Zar, aus Angst vor Anschlägen – er vermutete in den grüngefärbten Flaschen Gift und in der Einbuchtung eine Bombe –, aus durchsichtigem Kristallglas mit flachem Boden herstellen liess, wie mir einmal ein redseliger Champagnervertreter erzählte.

Die Stammgäste von früher sind nur kurz aus Thailand auf Besuch und stimmen einen latent rassistischen, melancholisch-nostalgischen Klagegesang über den Niedergang des Langstrassenquartiers an – früher habe es hier noch «Schweizer Nutten» gegeben, «ehrliche Nutten», dass jetzt alles bachab ginge, nicht einmal das Rotlicht sei mehr so kuschelig wie früher, überall Discos, Bars und Halbwüchsige, die auf die Strasse kotzten. Lydia, so erzählt mir der Stammgast aus früheren Zeiten dann, sagte zu einer jungen Dame, die in ihrer Bar arbeiten wollte: «Maitli, wie siehst du denn aus! Das macht doch keine Gattung!» Lydia nahm das Maitli also mit in den «Feldpausch» und kaufte ihr eine passende Garderobe. Aber sie konnte auch anders, erzählt ein anderer Stammgast von früher; wenn eine mal das Bier falsch zapfte, zu wenig Schaum oder so, da schrie diä Lydä hindefüre, dass äs nur noch gezittert hat, da half dann auch das neue Feldpausch-Blüschen nichts.

Und manchmal, ja manchmal kommt Lydia selbst in die Bar, dunkelhaarig jetzt, mit goldener Brille und Brillanten um den Hals, sitzt sie mit ihrer Freundin am Tresen und trinkt gespritzten Weissen mit mehr Wasser als Wein. Die Damen sind Anfang achtzig. Lydia beäugt mich misstrauisch, wahrscheinlich trage auch ich die falsche Garderobe. Lydia, so heisst es, habe an ihrem eigenen Hochzeitstag ihren zukünftigen Mann, den Wirt vom «Kreuz», sitzen gelassen, weil sie seinen weissen Anzug und die weissen Schuhe lächerlich, ja dégoutant fand. Früher, so denke ich dann, war schon mehr Stil.

 

Stefanie Sourlier ist Schriftstellerin. Sie arbeitet zudem in einer Bar in Zürich, in der sie Begegnungen und Geschichten zu dieser Kolumne inspirierten. Zuletzt von ihr erschienen: «Das weisse Meer» (FVA, 2011). Stefanie Sourlier lebt in Zürich und Berlin.