Der «Lebenskampf des Schriftstellers»

Der Schriftsteller Franz Böni, dieses Jahr 60 geworden, von dem bislang 30 Bücher erschienen sind, gleicht einem Phantom: Wer sich noch an seinen Namen erinnert, vermag nicht zu sagen, was der Autor heute treibt, wo er lebt, ob es ihn überhaupt noch gibt. Dabei publiziert er noch – und das nicht zu knapp.

Zugestanden, er tut dies fast unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Das letzte Dutzend Bücher erschien in wechselnden Kleinverlagen und gelangte kaum noch in den Handel.

In den achtziger Jahren war das anders – Franz Böni war ein Phänomen. Von ihm erschien Buch
um Buch, und zwar nicht irgendwo, sondern bei Suhrkamp: Ein Wanderer im Alpenregen (1979), Schlatt (1979), Hospiz (1980), Der Knochensammler (1980), Die Wanderarbeiter (1981), Alvier (1982), Sagen aus dem Schächental (1982, bei Ammann), Die Alpen (1983), Der Johanniterlauf (1984), Alle Züge fahren nach Salem (1984), Die Fronfastenkinder (1985) …

Wie aus dem Nichts tauchte Böni auf und schlug einen Ton an, der bis heute einzigartig ist in der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur. Die Poesie seiner erzählenden Prosa entfaltet sich lakonisch und verfügt über einen tiefen dunklen Unterton. In den Niederungen der Gesellschaft ziehen aussichtslose Gestalten durch frostige Schauplätze, die unwirklich und zugleich ganz real erscheinen. Zwischen trost-losen Städten, verlorenen Dörfern und voralpinen Landschaften voll Düsternis entfaltet Böni eine unverkennbar schweizerische Topographie, die bei aller Melancholie auch eine utopisch-politische Dimension hat. Die Figuren sind abhängige werktätige Wesen, die unter rigiden und brutalen Bedingungen in vollendeter Entfremdung dahinleben. Wenn sie träumen, dann von lichten Sehnsuchtsorten jenseits der Berge oder in einem entrückten Amerika.

Von Anfang an entsprang Bönis Schreiben der Polarität von Wiederholung und Verschiebung. Nicht Entwicklungen stehen im Zentrum, sondern Zustände, es geht weniger um Sprünge und Brüche als vielmehr um Variation und Verdichtung. Seit geraumer Zeit kombiniert Böni die Entfaltung der teilweise autobiographischen Thematik mit persönlichen Notizen, Tagebucheinträgen, Photographien und Briefen. Darin zeichnet er unverblümt den Literaturbetrieb und die eigene Lage, nennt Namen, übt Kritik, stilisiert seine Erfolglosigkeit, stellt sich in die Nachfolge Robert Walsers. Das Aussenseitertum der Figuren korreliert mit der Pose des einsamen, verkannten Autors.

Was Böni in den letzten Jahren praktiziert, sucht seinesgleichen: Überspitzung der Lakonik bis hin zur Angleichung an einen schülerhaften Aufsatzstil, zunehmend fahrige, abgerissene Publikationen, immer obskurere Verlage, Druckfehler en masse, sich wiederholende Textpassagen usw. Selbst der geneigte Leser ist nicht in der Lage zu entscheiden, inwiefern die Demontage des Autors ironisch betrieben wird und ob das an den Tag gelegte ‹Versagen› den «Lebenskampf des Schriftstellers» kritisch engführt oder bloss noch frühere Einfälle kuratiert. Mitreden kann hier nur, wer den späten Böni auch liest und zu Titeln greift wie In der Ferienkolonie (2000), Der Puls des Lebens (2001), Rimini (2002), Gruss aus der Hollywoodschaukel (2005), Rio Grande (2009) oder Bisons im Winter (2011).

Franz Böni geht als Schriftsteller einen mehr als eigenwilligen Weg. Wird man so zum Klassiker? Wer weiss, herumgeistern wird sein Werk jedenfalls noch lange. Zu wünschen ist, dass sich bald ein Verlag findet, der die ‹Alpen-Trilogie› – in einem Band – neu herausgibt: Die Alpen (1983), Alle Züge fahren nach Salem (1984) und Wie die Zeit vergeht (1988) sind längst vergriffen. Bönis frühes opus magnum ist ein Meilenstein moderner helvetischer Literatur und veranschaulicht auf unnachahmliche Weise, was das Land im Innersten zusammenhält: die finsteren Herzen der Einheimischen.