Sehnsuchtsvertiefung

Von St. Gallen nach Tanger und zurück: Die lesenswerten Seiten des Schriftstellers Florian Vetsch.

Was für eine verrückte Nacht, dieser 20. Oktober 2006! Hadayatullah Hübsch, Ex-Mitglied der Kommune 1 und Imam der islamischen Ahmadiyya-
Bewegung, las – nein: flüsterte und schrie – seine Gedichte, während er wie ein bärtiges Rumpelstilzchen in seinen Stiefeln herumsprang. Daneben sass Jürgen Ploog, cooler Beau und langjähriger Langstreckenpilot, der später am Abend entgrenzt-psychonautische Montagen vortrug.

Das war die Syrano-Bar, die Florian Vetsch zusammen mit seiner marokkanischen Frau Bouchra in St. Gallen führte. Nur anderthalb Jahre lang, aber das maghrebinisch angehauchte Lokal, wo sich literarische Outlaws von gefühlten zehn Kontinenten die Klinke in die Hand gaben – auch der amerika-nisch-marokkanisch-nepalesisch-holländische Ira Cohen war da –, wurde legendär. Das wilde Syrano lag im Linsebühl, dem ehemaligen Rotlichtviertel, gleich hinter der Kantonsschule, wo Vetsch seit 1985 Deutsch und Philosophie unterrichtet. Ja, der heute 52jährige promovierte Philosoph und Sohn eines Regierungsrats hat eine bürgerliche, solide Seite, aber auch eine zentrifugale, deliriöse, magische. Er ähnelte darin seinem Alter Ego Paul Bowles, den man selbst in der Wüste selten ohne Krawatte sah.

Es war Mitte der Neunzigerjahre, als Vetsch begann, regelmässig nach Tanger zu reisen – und dort Bowles kennenlernte. Aus der Begegnung entstanden Vetschs erste Publikationen Antäisches Kraftfeld und Sporadische Korrespondenz. Der alte Bowles empfing seine Gäste im Bett liegend; manchmal, erschöpft von den labyrinthischen Erinnerungen, fiel er in einen verträumten Dämmerzustand. Und Vetsch, der Suchende, vertrieb sich derweil die Zeit im Salon, in einem faszinierenden, undurchdringlichen Dschungel aus Büchern, CDs, Briefen, Photographien und Zeitungsausschnitten. In Bowles’ engem Apartment eröffnete sich dem Ostschweizer eine abenteuerliche Welt der Nonkonformität.

Die Faszination dieses Tanger-Universums hat Vetsch einen Impuls gegeben, der bis heute anhält, über die von ihm herausgegebene Anthologie Tanger Telegramm bis zum entrückend-luftigen Text-Bild-Band Tanger Trance, realisiert mit der Photographin Amsel. Florian Vetsch hat ein schillerndes, wildes, in verschiedenste Welten ausgreifendes Werk vorgelegt, mit Übersetzungen von Cohen und Bowles, Gedichten zwischen Marokko, Zürich und New York, Artikeln, Anthologien und Prosaskizzen rund um Tanger und die Beat Generation. Einzig: wenige wissen davon.

Vielleicht hat die langjährige Konzentration auf Tanger manche mit Marokko nicht so vertrauten Leser von der Auseinandersetzung mit seinem unübersichtlich-verstreuten Werk abgeschreckt. Zu Unrecht, denn schliesslich steht Tanger, in poetischer Durchdringung, für etwas, das weit über den geographischen Ort hinausweist. Als «pulsierendes Zentrum an der Peripherie, in dem mehrere kulturelle Identitäten spannungsreich koexistieren und sich weltweit mit vielen Ecken und Enden kurzschliessen», bezeichnet Vetsch im Tanger Telegramm die legendäre Hafenstadt, als «unendliche Projektionen freisetzender Ort der Mutation, Transmission und Konterbande, als geheimnisumwitterter Spiegel, der alle Durchreisenden überscharf hier, verschwommen dort zu reflektieren scheint und manch einen schon verschluckt hat; ein abgründiger Ort der Sehnsuchtsvertiefung, eine Furt zwischen Fiktion und Realität, ein Exil zwischen Ursprung und Zivilisation».

Ob Vetschs Texte schon jemanden verschluckt haben, ist nicht bekannt. Alles andere hingegen, was er über Tanger schreibt, gilt auch für sein Werk selbst.