Der Schreibrausch und ich (4)

Wolfgang Amadeus Mozart: «Es ist alles kalt für mich, eiskalt.» – Arbeit eines kühlen Kopfes, eines pfeilschnellen Federkiels. – Rausch als im Widerspruch zur Meisterung und geistigen Durchdringung. – Als Künstler misstraue ich dem Rausch, den ich als Privatperson nicht durchwegs meide. – Rauschgold: dünngewalztes Messingblech, bei Bewegung knisternd. – Neues und Unwahrscheinliches in luzidem […]

Wolfgang Amadeus Mozart: «Es ist alles kalt für mich, eiskalt.» – Arbeit eines kühlen Kopfes, eines pfeilschnellen Federkiels. – Rausch als im Widerspruch zur Meisterung und geistigen Durchdringung. – Als Künstler misstraue ich dem Rausch, den ich als Privatperson nicht durchwegs meide. – Rauschgold: dünngewalztes Messingblech, bei Bewegung knisternd. – Neues und Unwahrscheinliches in luzidem Rausch sogleich entsorgen.

Das Rauschen des Stromes, gegen den ich anschwimme. – In den letzten zwei Jahren habe ich zwei Bücher geschrieben, fast neunhundert Seiten, fast drei Kilo schwer, doch ich kann mich an keine Minute Schreibrausch erinnern, wohl aber an monatelange disziplinierteste Arbeit. – Das friedvolle Rauschen des Nichts, dem ich meine Strukturen verdanke. 

Robert Walser: «Nie endende Verjüngungen ummurmeln ihn.» – Höchstes Schreibtempo bei ständiger Selbstbeobachtung, eine Silbe für Silbe musikalisch unterfütterte Vollkommenheit. – Rauschen in der Jägersprache ist so viel wie brünstig sein. – Schreibräusche brächten bei mir lediglich Erbrochenes, Zufälliges und Mittelmässiges hervor, keine Kunst. – Rauscher: gärender Most, chaotisch ruhelos. – Bittersüsse Eigenprobleme bitte in unleserliche Rauschprotokolle verbannen. 

Herrn Kafka und Herrn Beckett habe ich gar nicht erst befragt, die Lektüre ihrer Schriften erlöst mich stets aus eventuellen Leseräuschen und erfreut mich durch strukturellen Humor, wie eigentlich alle meine bevorzugten Texte und Musiken. – Im Auge des Zyklons.

 


Urs Peter Schneider
geboren 1939 in Bern, Komponist und Improvisator, Interpret und Pädagoge, in jüngster Zeit auch Sprachperformer; zahlreiche Preise als Pianist und Komponist; lebt in Biel. Von ihm zuletzt erschienen und insgesamt drei Kilo schwer: «Schriften I bis V, Texte für als mit zur Musik»: (Verlag die Brotsuppe), «Konzeptuelle Musik. Eine kommentierte Anthologie» (Aart-Verlag).