Der Schweizer Schriftsteller Christian Kracht?

«Christian Kracht ist Schweizer», so steht es in neueren Publikationen des Autors. Reicht aber dafür sein Schweizer Pass, auf den er sich gern beruft? Und: ist der Schweizer Pass das letzte wahre Statussymbol? Davon jedenfalls wusste Kracht seine damaligen Mitstreiter aus dem «popkulturellen Quintett» schon 1999 zu überzeugen. Bis zu seinem 12. Lebensjahr wächst Kracht […]

«Christian Kracht ist Schweizer», so steht es in neueren Publikationen des Autors. Reicht aber dafür sein Schweizer Pass, auf den er sich gern beruft? Und: ist der Schweizer Pass das letzte wahre Statussymbol? Davon jedenfalls wusste Kracht seine damaligen Mitstreiter aus dem «popkulturellen Quintett» schon 1999 zu überzeugen.

Bis zu seinem 12. Lebensjahr wächst Kracht tatsächlich im Berner Oberland auf. Danach lebt er das Leben eines globalisierten Bildungsnomaden: Privatschulen in Kanada und am Bodensee, Studium in New York, Redakteur bei der Zeitschrift Tempo in Hamburg; ein unstetes Wanderleben führt der heute 45jährige seit 1995: New Delhi, Bangkok, Tibet, Kathmandu, Berlin-Mitte, Buenos Aires, Kenia. Dieser Lebensstil und überlegene Weltkenntnis sind entschieden sein ästhetisches Basiskapital. Gerüchte über seinen sagenhaften Reichtum nährt er dabei beharrlich. Sein Vater war Generalbevollmächtigter beim Axel-Springer-Verlag, dem Schreckenskonzern der westdeutschen Linken seit 1968. Auch wenn Kracht die Popliteratur hinter sich gelassen haben will, beherrscht er bis heute die Kunst der vollendeten Selbstinszenierung: In seinen Anfängen als Romancier war er der Popstarautor, der sich als Model für Peek & Cloppenburg vermarkten liess; heute ist er ein Trickster der andeutungsvollen Selbstverbergung. Keiner weiss, wo er gerade lebt, woran er arbeitet, aus welcher Richtung er angereist ist, wer seine Freunde sind.

Strategische Beziehungen zu Germanisten pflegt er wie einst Hofmannsthal, damit sie – scheinbar unironisch – über «Leben und Werk» berichten. Sein Maskenspiel wird mittlerweile exegetisch begleitet. Das «Verschwinden» oder der «Rock»: das seien die beiden einzigen Alternativen, um der «ironic hell» der 1990er Jahre zu entgehen – darin war sich das popkulturelle Quintett in Tristesse Royale seinerzeit einig. Es scheint, als hätte Kracht das Verschwinden gewählt und dessen Modus unterdessen ästhetisch vervollkommnet. Als Autor ist er aber unbestreitbar auf dem weit ersichtlichen Höhenkamm der deutschsprachigen Gegenwartsliteratur angelangt. Faserland (1995), Fanal der neueren deutschen Popliteratur, gehört mittlerweile zum Lesekanon der gymnasialen Oberstufe in deutschen Bundesländern. In diesem ersten Roman reist ein wohlstandsverwahrloster Erzähler quer durch ein Marken- und Partydeutschland in die Schweiz. Der zweite Roman 1979 (2001) spielt im Iran der Khomeini-Revolution und endet nicht, bevor der Erzähler, ein westlicher Decadent, seinen Frieden in einem chinesischen Arbeitslager gefunden hat. Das Buch wurde seinerzeit in der Harald-Schmidt-Show als prophetische Vorwegnahme der Ereignisse des 11. September 2001 gefeiert. Krachts dritter Roman Ich werde hier sein im Sonnenschein und im Schatten (2008) ist eine kontrafaktische Geschichtserzählung über die Schweiz als leninscher Sowjetstaat, nach 100 Jahren Krieg mit den faschistischen Achsenmächten Deutschland und England. Das Schweizer Feuilleton nahm sie mehrheitlich achselzuckend zur Kenntnis.

Aber die Debatte um seinen aktuellen Roman Imperium (2012), in dem ein bis an die Grenze der Stilparodie epigonaler Thomas-Mann-Erzähler die Geschichte des Kokosnusspropheten August Engelhardt erzählt, war dann dank eines Kommentars des beim gleichen Verlag publizierenden Journalisten Georg Diez und eines anschliessenden Feuilletonsturms wieder so absurd, dass man beinahe hätte glauben können, sie sei von Kracht selbst inszeniert. So viel Aufruhr und Verschwörungstheorie mobilisiert zurzeit kein anderer deutschsprachiger und erst recht kein Schweizer Gegenwartsautor. Die folgenden Seiten widmen sich seinem Schaffen.