Die Bar ist ein sinnloser Ort

«Was ich von den wenigen Dingen, die ich mochte und auch beherrschte, am besten beherrschte, war das Trinken. Obwohl ich ausgesprochen viel gelesen habe, habe ich noch mehr getrunken. Ich habe zwar viel weniger geschrieben als die meisten, die schreiben, aber viel mehr getrunken als die meisten, die trinken.» – Guy Debord

Die Bar ist ein sinnloser Ort
Stefanie Sourlier, photographiert von Ayse Yavas.

Da uns nach dem Rauchen bestimmt auch bald der Alkohol ausgetrieben werden soll, ist es an der Zeit, eine Lanze für das Trinken zu brechen. Es gibt immer einen Grund zu trinken, sei es Weltverdruss, Liebeskummer, die schlechte Wirtschaftslage, den allgemeinen Blues oder einfach nur sinnlose Feierei. Eigentlich braucht man noch nicht einmal einen Grund dazu, nur Abstinenzler glauben das. Ich kann auch ohne Alkohol fröhlich sein, sagen sie, dabei hat Max Goldt einmal zu Recht darauf hingewiesen, dass es bei ehrlich-übermässigem Alkoholkonsum nie und nimmer um Frohsinn geht, sondern nur ums Betrunkenwerden und Betrunkensein. Das Trinken ist in Zeiten von Rationalisierung und Gesundheitswahn also eine absolut unzeitgemässe Erscheinung (ich spreche hier nicht von after-work-drinks, bei denen in «ungezwungener Atmosphäre» die Arbeit weitergeht…), es wird ja – ausser dem Kater am nächsten Morgen – nichts entwickelt oder produziert, mit steigender Promillezahl steigt weder das Niveau noch die Effizienz, und jedes Glas bringt uns dem Tod näher. Die Bar ist ein sinnloser Ort.

Ähnlich sinnlos – und doch nicht aus dem Leben wegzudenken – wie die Literatur. Und was wäre die Literatur ohne den Alkohol? Denn egal, ob die Schriftsteller selber trinken oder ob ihre Protagonisten ein paar Gläschen kippen: die Welt der Bücher wäre ohne das Saufen um einiges ärmer. Der walisische Dichter Dylan Thomas schaffte es, wegen eines Katers für dienstuntauglich erklärt zu werden, er starb an einer Alkoholvergiftung nach achtzehn Gläsern Whiskey. Goethe trank schon morgens ein Glas Madeira, mittags und abends eine Flasche Wein, nach anderen Quellen sollen es drei gewesen sein. Er wurde 81 Jahre alt. Dorothy Parkers berühmtes Martini-Gedicht «I like to have a martini / Two at the very most / After three I’m under the table / after four I’m under my host» wurde zu einem gerne verwendeten Kalenderspruch für Cocktailbücher, obschon es wohl gar nicht von ihr stammte, Parker bevorzugte Scotch. William Faulkner trank oder (!) schrieb – jeweils für Monate. In einer Phase des Trinkens sollte er den Nobelpreis bekommen, seine Familie schwindelte ihm ein falsches Datum vor, um ihn rechtzeitig nüchtern zu bekommen. Dieser jedoch bekam Wind von der Sache und trank aus Wut gleich umso mehr. Trotzdem fuhr er rechtzeitig nach Stockholm und hielt eine denkwürdige Preisrede.

Kann man also behaupten, der Alkoholkonsum fördere die Kreativität? Zumindest ist der Alkohol ein unglaublicher Geschichtenerzähler: Stellen Sie sich die «Reise nach Petuschki» mit Mineralwasser vor, einen Philipp Marlowe, der Orangensaft trinkt, oder die «Rum Diaries» mit Kamillentee. Das Trinken selbst ist – meiner Erfahrung nach – ein ausgleichendes Verlustgeschäft. Meint: Meist trinkt man, statt zu schreiben. Wer ausser Goethe schafft es schon nach drei Flaschen Wein wieder zurück an den Schreibtisch?  


Drink: Dry Martini

5 cl Gin, 1 – 2 Spritzer trockener Vermouth (z.B. Noilly Prat) auf viel Eis im Rührglas rühren und ins vorgekühlte Cocktailglas seihen, mit einem Stück Zitronenschale oder einer grünen Olive garnieren.

Rezept: Peter Roth, Kronenhalle-Bar