Gesellschaftskritik als Groteske

Der Lausanner Quentin Mouron hat mit 30 Jahren schon sechs Romane veröffentlicht. Im französischen Sprachraum gefeiert, ist er hierzulande fast unbekannt. Ein Gespräch über das Groteske, den Roman noir und den Vorteil daran, unter dem Radar zu laufen.

Gesellschaftskritik als Groteske
Quentin Mouron, fotografiert von Fabien Wulff-Georges.

Quentin, in deinem aktuellen Roman «Vesoul, le 7 janvier 2015» bricht in einer französischen Kleinstadt das Chaos aus – in Vesoul eben. Und dann trifft auch noch die Nachricht ein, dass die Redaktion von «Charlie Hebdo» von Terroristen ­angegriffen wurde. Warum hast du deine Geschichte gerade in dieser wenig glamourösen Stadt angesiedelt?

Warum Vesoul? Ehrlich gesagt spielt der Ort eine untergeordnete Rolle. Der Roman hätte fast in jeder Stadt spielen können. Hauptsache eine, die die meisten Leser nicht kennen, oder zumindest nicht gut.

Warum das? Sind «Otto-Normalverbraucher-Städte» in der Provinz besser geeignet, gesellschaftliche Entwicklungen zu erzählen?

Genau um das Zusammenleben der Menschen untereinander geht es mir – wie es scheitert und gelingt. Ich wollte den Roman so situieren, dass ich möglichst vermeiden kann, dass nachher nur über den Ort der Handlung gesprochen wird. Über den Inhalt meiner Bücher diskutiere ich gerne und jederzeit, auch mit kritischen Lesern. Nicht so grosse Lust habe ich auf Diskussionen darüber, ob ich auf Seite 57 diesen oder jenen Brunnen meine und ob ich die Farbe seiner Patina richtig beschrieben habe. Ich will keinen Roman über Paris und auch nicht über Vesoul schreiben, sondern darüber, wie Menschen miteinander umgehen. Eine weitgehend unbekannte Stadt wie Vesoul – viele Franzosen kennen nur das gleichnamige Chanson von Jacques Brel – ist die bessere Wahl als Paris oder Marseille, um den Fokus darauf zu lenken.

Könnte dein Vesoul auch in der Schweiz liegen, in der ­Deutschschweiz sogar?

Durchaus, warum nicht. Aber auch das hätte nicht unbedingt besondere Implikationen.

Interessiert es dich denn persönlich, Literatur aus bestimmten Kulturen zu lesen, oder Literatur, die an bestimmten Orten spielt? Konkret – unser Thema in diesem Heft ist der litera­rische Röstigraben: Hast du einen Deutschschweizer Lieblingsschriftsteller?

Ich habe viel Dürrenmatt gelesen – zunächst aus den falschen Gründen, in der Schule, wo er natürlich zur Pflichtlektüre gehörte. Ich war richtig schlecht in Deutsch und habe mich ganz schön mit ihm abgemüht, es war wirklich ein Alptraum. Zum Glück habe ich mich dann nach meinem Studium noch einmal intensiv mit ihm beschäftigt, dann nicht mehr nur viel, sondern auch sehr gern. Mein Lieblingsschriftsteller aus der Deutschschweiz ist aber wohl Friedrich Glauser.

«Scheint nicht gerade in der Übertreibung die Wahrheit manchmal deutlicher durch?»

 

Von dem hatte ich noch nie gehört, bis ein Buchantiquar in Lausanne ihn mir empfahl und mir dann nach und nach alle Bücher auf die Seite gelegt hat. Ansonsten lese ich schon am liebsten französischsprachige Autoren, da kann ich einfach mehr lernen – ich vergleiche mich sehr gern mit den grossen Stilisten aller Art.

Was genau hat dich an Glauser so fasziniert?

Vor allem seine Originalität. Die Analyse menschlicher Beziehungen ist extrem raffiniert, fein und präzise, ich habe in diesem Sinn etwas gefunden, das ich auch bei Simenon mag. Aber Glauser ist realistisch mit einer offenen Flanke für das Verrückte, für den menschlichen Wahnsinn. Ich erinnere mich an seitenlange, grosse Monologe von Menschen im totalen Delirium. Wie ein exzentrischerer, entfesselter Simenon. Mir hat das wahnsinnig gefallen.

Deine…

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Peter Stamm, Schriftsteller,
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