Unser Platz im Universum

Dresden – Bern: 9 Stunden, 9 Minuten.

Immer wieder kehre ich gerne zurück nach Dresden. Die Poetikdozentur hat mir dort ein «heimisch Ich» geschaffen. Emme, Aare, Elbe fliessen durch meine Geschichte. Ich meine nicht das touristische Dresden, nicht die wieder aufgebaute Altstadt, die so nie war, wie sie ist. Nein, es ist der Wind und der Ton der Stadt, die Menschen, die mir begegnet sind. Ich bin der Empfänger ihrer Wellen, die in mir Licht, Wärme und Sprache erzeugen.

Der Zug nimmt mich jetzt weg, zurück nach Bern. Die Beschleunigung ist aber stark genug, mich schwerer zu machen und die Zeit zu verlangsamen. Neun Stunden habe ich vor mir, um «Elefanten im All. Unser Platz im Universum» (Kein&Aber) von Ben Moore zu lesen. Ja, vom rockigen Professor aus Zürich, dem mit dem Urknall-Lovemobile. Schon hält der Zug in Neustadt. Und ich denke an all die Kneipen, die mir die Studenten zeigten, während wir uns an der Tagung mit der Frage «Wer ist Deutschland?» beschäftigten – als der Zug wieder beschleunigt. Mein kleines Leben in der Gleichzeitigkeit. «Ich möchte von der Geschichte und der Zukunft des Lebens und des Universums erzählen. Ich werde mit dem Anfang beginnen und mit dem Ende aufhören.» Biblische Sätze, die mir Gänsehaut verursachen. Im Sog der Erzählung – als wäre ich in einem Luftraumgefährt – darf ich eine ganz spezielle Reise mit Ben Moore antreten. «Was wir wissen und woher wir es wissen. Der Urknall. Der Ursprung der Sterne, der Planeten und der Galaxien…», bis hin zu den Kapiteln «Was wir nicht wissen». In Leipzig setzt sich eine Frau mir gegenüber. Ich ahne: sie will reden. Sie reist nach Frankfurt, um Kinder abzuholen.

Sie ist Kinderbegleiterin. Sind Sie geschieden? Dann ist sie der Engel, der die Kinder von Mama zu Papa bringt und umgekehrt. «Aus dem Entwicklungsstand und der Komplexität der menschlichen Sprache kann man ableiten, dass sie vor rund fünfzigtausend Jahren in Afrika entstanden ist.» Vielleicht sollte ich das dem Engel sagen. Sie aber packt Sandwichs aus und gibt mir eines. «Elefanten im All» ist ein Tanz auf Wörtern, die das Universum sagen. Als Bern bei mir ankommt, steige ich aus und denke: «Innere Energie schafft Raum und Raum schafft innere Energie.»