An den Gestaden des Genfersees

Nach Prangins kommen heute bestenfalls ein paar Kulturtouristen, um das Nationalmuseum zu besuchen. Einst aber gaben sich hier internationale Literaturberühmtheiten die Klinke in die Hand – um sich oder ihre Liebsten in Dr. Forels Privatklinik behandeln zu lassen. Ein Ausflug ins Waadtland und ins Leben dreier Frauen.

An den Gestaden des Genfersees
Hôpital de Prangins, Haute-Rive, photographiert von Claudia Mäder.

«Sans-Souci» bereitet mir Kopfzerbrechen. Vor mir wirft der Genfersee glitzernd die ersten Frühlingssonnenstrahlen zurück, hinter mir hebt eine Horde Waadtländer die Weissweingläser zum Apéro, neben mir setzt ein Schwan trippelnd zum Flug an, nur ich finde die richtige Richtung nicht. Laut der leicht antiquierten Broschüre, an der ich mich orientiere, müsste hier irgendwo eine der sieben Villen stehen, in denen Oscar Forel in den 1930er Jahren gutsituierte Psychiatriepatienten aus der ganzen Welt beherbergte. Aber wie ich den Plan auch drehe und wende: Der Weg zum sorgenfreien Lustschlösschen mit Seeanstoss, Badeplatz und Wintergarten erschliesst sich mir nicht.

Die Dimensionen der Anlage, scheint mir, machen die Verirrung verzeihlich. Über 43 Hektaren erstreckt sich das Gebiet in der Nähe von Nyon, auf dem Forel sein «Établissement de Psychothérapie» 1930 gegründet hat. Unter dem Namen «Les Rives de Prangins» spezialisierte sich die Privatklinik auf die Behandlung von Nervenkrankheiten aller Art und beschäftigte etliche Psychotherapeuten, Psychiater sowie Neurologen, um die Leiden der Patienten mit Analysen, Hypnosen und physiotherapeutischen Mitteln zu lindern. Als Sohn des Psychiatriepioniers Auguste Forel und Privatdozent an der Universität Genf stand der Anstaltsleiter im Ruf, auf der absoluten Höhe seiner Wissenschaft zu sein und in allen Bereichen die denkbar modernsten Methoden anzuwenden. Dabei bot er den psychisch Kranken in Prangins aber nicht nur medizinische Kuren, sondern auch ein reiches Rahmenprogramm: Von Golf- und Tennisplätzen über Sprach- und Musikkurse bis zu Fumoirs und Billardtischen reichte die Beschäftigungspalette für die Gäste, und selbst ein hauseigenes Zahnarztstudio zählte laut Werbeprospekt zu den Vorzügen der Einrichtung.1 Das einzige, was der Katalog nicht auflistet, ist der Aufenthaltspreis.

 

Mr. and Mrs. Fitzgerald

Bekannt ist, dass er für Friedrich Glauser «unerschwinglich» war. Nur dank eines Sonderarrangements, das der literaturaffine Forel eingefädelt hatte, konnte der «Matto»-Autor im Juli 1937 nach Prangins kommen – von wo er jedoch bereits nach 10 Tagen wieder Reissaus nahm, weil er die «Millionärsluft» nicht ertragen konnte.2 Ganz offensichtlich war der Preis aber hoch genug, selbst gut betuchte Gäste in die Bredouille zu bringen. «Zelda is still sick as hell, and the psychiatrist who is devoting almost his entire time to her is an expensive proposition», schrieb F. Scott Fitzgerald im Juli 1930 in die USA und bat seinen Lektor um einen Vorschuss. Den ganzen Sommer über, erklärte er, habe er aus Sorge um seine Frau kaum schreiben können und sei nun, da eben auch noch ihre teure Behandlung zu bezahlen sei, nebst der Arbeit auch mit den Finanzen im Hintertreffen.3

Zelda Fitzgerald (1900–1948), die weibliche Hälfte des amerikanischen Glam-Paars, war einige Wochen zuvor als eine der ersten Patientinnen nach Prangins gekommen. Dem Ballett auf ähnlich krankhafte Weise verfallen wie ihr Gatte dem Alkohol, war Zelda im Frühjahr in Paris psychisch zusammengebrochen. Scott wollte sie in der bestmöglichen Klinik behandelt wissen – und brachte sie deshalb Anfang Juni zu Forel. Dieser nahm sich der Tänzerin an, diagnostizierte ihr – wie so vielen – eine schizoide Störung und konnte durch eine 13stündige Hypnosesitzung einige Besserung erreichen und sogar ein hartnäckiges Ekzem zum Verschwinden bringen.

Als letzteres im Herbst aber wieder auftauchte und sich der Gesamtzustand seiner Frau nicht wesentlich verändert hatte, forderte Fitzgerald die Beiziehung eines weiteren Experten. Für 500 $ liess der Autor den renommierten Eugen Bleuler aus Zürich herkommen – freilich ohne dass dieser bei seiner eintägigen Visite zu einem anderen Schluss gekommen wäre als sein Kollege. Für Scott dürfte sich die Investition trotzdem gelohnt haben, bekam er von Bleuler doch einen entscheidenden Satz zu hören: «Stop blaming yourself. You might have retarded it but you couldn’t have prevented it.» Anders als Zelda, die ihren labilen Zustand mit der Trunksucht ihres Mannes in Zusammenhang…