Editorial

Liebe Leserinnen und Leser Welches ursprünglich nicht auf Deutsch verfasste Buch haben Sie zuletzt gelesen? Ob russischer Klassiker, Schwedenkrimi oder Zeitgenössisches aus den USA: wahrscheinlich können Sie Autor und Titel nennen. Aber wissen Sie auch, wer’s übersetzt hat? Übersetzer kennt man nicht. Meine kleine Umfrage bei der Planung dieser Ausgabe förderte gerade mal zwei etwas […]

Liebe Leserinnen und Leser

Welches ursprünglich nicht auf Deutsch verfasste Buch haben Sie zuletzt gelesen? Ob russischer Klassiker, Schwedenkrimi oder Zeitgenössisches aus den USA: wahrscheinlich können Sie Autor und Titel nennen. Aber wissen Sie auch, wer’s übersetzt hat?

Übersetzer kennt man nicht. Meine kleine Umfrage bei der Planung dieser Ausgabe förderte gerade mal zwei etwas bekanntere Namen zutage: die legendäre Dostojewski-Übersetzerin Swetlana Geier und Harry Rowohlt, dessen Wortgewalt eine «Titanic»-Karikatur des Duos Hauck&Bauer wie folgt auf den Punkt brachte: Stehen zwei Kundinnen in der Buchhandlung – sagt die eine zur anderen: «Das musst du in der Übersetzung von Harry Rowohlt lesen. Im Original geht da viel verloren.» Was wir gern für unseren Titel zweitverwertet haben.

Die meisten Übersetzer müssen das Rampenlicht aber den «richtigen» Autoren(-innen) überlassen. Entsprechend im Ungefähren liegen auch unsere Vorstellungen davon, was sie da eigentlich genau tun, wenn sie an der Arbeit sind. Beides soll in diesem Heft für einmal anders sein: Wir widmen den Dichtern hinter den Dichtern, ohne die uns die Weltliteratur unzugänglich bliebe, einen Schwerpunkt und lassen sie ausführlich zu Wort kommen. Nicht fehlen darf dabei natürlich eine Erstübersetzung. Wir haben uns für Auszüge aus Philippe Jaccottets «Ce peu de bruits» entschieden und freuen uns, dem grossen Schweizer Schriftsteller und Übersetzer, der einen Tag vor unserem Erscheinen 93 Jahre alt geworden ist, ein kleines Geburtstagsgeschenk machen zu können.

Unser Dank geht an das Centre de Traduction littéraire in Lausanne, das Übersetzerhaus Looren sowie Ruth Gantert und Barbara Sauser für wertvolle Tips und Unterstützung – sowie an Adolf Muschg, der uns Ausschnitte seines im Herbst erscheinenden neuen Romans für ein Übersetzungsexperiment zur Verfügung gestellt hat.

Und zum Schluss noch dies: Mit der vorliegenden Ausgabe begrüssen wir den Schriftsteller Andrea Fazioli als neuen Kolumnisten. Er übernimmt den Job von Andrea Bianchetti, uns in Sachen Tessiner Literatur quartalsweise auf den neusten Stand zu bringen. Danke, Andrea, für die gute Zusammenarbeit in den letzten zwei Jahren. Hallo, Andrea, willkommen an Bord!

Ihnen einen schönen Sommer und gute Lektüren!

PS: Der Arbeitstitel für Camille Luschers Beitrag samt Vorschlag, wie Verlage ihre Wertschätzung für ihre Übersetzer ganz praktisch zeigen könnten, lautete «Übersetzerinnen aufs Cover!». Da hat sie den Salat.