Im Land der Dichtung

Egal, ob es von schwedischen Elchen oder zypriotischen Geckos handelt – ein gutes Gedicht schöpft seine Kraft aus einer lokalen Umgebung. Joachim Sartorius schwört auf die poetischen Reize von Inseln und erklärt, weshalb perfekte Gedichte so rar sind wie ihre Leser.

Im Land der Dichtung
Joachim Sartorius, photographiert von Brigitte Friedrich / SZ Photo.

Herr Sartorius, eine Zeile in Ihrem letzten Gedichtband lautet: «Das Gedicht versteht mich nicht.» Gilt für die meisten Zeitgenossen nicht das Umgekehrte – «Ich verstehe das Gedicht nicht» – oder anders gefragt: Wer hat heute noch einen Zugang zu Lyrik?

1354 Personen! (lacht) So besagt es jedenfalls die berühmte Enzensbergersche Konstante, die im Literaturbetrieb so wichtig ist wie die Einsteinsche Formel in der Physik: Vor rund 20 Jahren hat Hans Magnus Enzensberger anhand fingierter mathematischer Formeln errechnet, dass es im deutschen Sprachraum seit 1900 exakt und konstant immer nur 1354 Lyrikleser gegeben hat.

 

Eine ziemlich überschaubare Menge – und wie viele Dichter stehen diesen Lesern gegenüber?

Jetzt wird es erst richtig schrecklich: Die Hälfte der 1354 Rezipienten schreibt ja selbst auch Gedichte! Der Lyrikbetrieb ist ein riesiger inzestuöser Kessel, der fortwährend vor sich hinblubbert.

 

Quälen diese Missverhältnisse den Poeten?

Es ist schon ganz erstaunlich, wie wenige, auch – in meinen Augen – kluge und intelligente Leute, eine Antenne für Lyrik haben, und natürlich fuchst mich das auch immer wieder. Ich weiss aber nicht, wie es zu ändern wäre und inwieweit sich Überzeugungsarbeit lohnt. Ich habe mit Artikeln und ganzen Serien in deutschen Zeitungen jahrelang versucht, die Leute zum Lyriklesen zu bringen, ja fast schon zu zwingen, befürchte aber, dass alles nichts bewirkt hat und es bei der Enzensbergerschen Konstanten bleiben wird.

 

Was, denken Sie, steht denn der Rezeption der Lyrik im Weg?

Gute Lyrik hat etwas Rätselhaftes und erfordert deshalb vom Leser eine Grundbereitschaft, sich auf sie einzulassen. Will man ein Gedicht lesen, verstehen und empfinden, muss man eine gewisse Geduld aufbringen, eine Bereitschaft, nach der ersten Türe noch drei weitere aufzustossen, bevor man zum Kern vordringt. Das gilt jedenfalls für die moderne, zeitgenössische Lyrik, in der Vergangenheit waren manche Formen wohl verständlicher. Die Leser aber sind demgegenüber total bequem geworden und lassen sich von Opazität und Verrätselungen abschrecken.

 

Andererseits erfüllt das Gedicht mit seiner Form aber auch ein Gebot der Zeit: Kürze hat doch Konjunktur!

Tatsächlich war die Lyrik im Prinzip immer eine relativ kurze Form; natürlich gibt es auch Lang- und Grossgedichte, aber das Konzise, die Präzision einer Mitteilung, ist doch eines ihrer Merkmale. Gerade dieses Charakteristikum ist in unserer schnelllebigen Epoche zusehends auf andere Sprachformen übergegangen. SMS und Werbung zum Beispiel haben die Kurzform übernommen, und gerade die Werbung hat ganze Arbeit geleistet: Es gibt Werbesprüche, die kommen daher wie ein kleiner Haiku. Gewisse davon hätte ich gerne selbst geschrieben – als Gedichte, wohlgemerkt! Kurz, ich glaube, die Lyrik hat an Terrain verloren, als andere Formate anfingen, ihr das Prädikat der Kürze streitig zu machen.

 

Dann bliebe ihr immer noch die Komplexität als Trumpf. In der literarischen Sphäre dominiert ja «kurz und knackig» nicht uneingeschränkt, die Romanproduktion der letzten Jahre etwa ist im Gegenteil durch aufgebrochene Linearitäten und bisweilen ausufernde Umfänge gekennzeichnet – ohne dass sich die bequemen Leser dadurch merklich hätten abschrecken lassen.

Ein Roman ist etwas völlig anderes, das ist nicht vergleichbar. Wenn ich von der Bequemlichkeit der Leser spreche, meine ich damit, dass sie einen Plot wollen. Eine Story, der sie folgen, und einen Helden, mit dem sie leiden, sich freuen und identifizieren können. Das ist in den allermeisten, selbst den «schwierigsten» Romanen gegeben – nicht aber in der Lyrik. Ihr kann man sich nicht in erster Linie über narrative Stränge annähern, sondern man muss sich ihrer Musikalität, ihrem Rhythmus hingeben.

 

Anstelle eines Plots bieten Gedichte oft besonders viel Intimität, nicht selten erscheint Lyrik als Nabelschau – weshalb sollte sich die Öffentlichkeit dafür interessieren? Hemmt nicht möglicherweise die radikale Subjektivität der Lyrik das Interesse an ihr?

Das ist jetzt zwar auch subjektiv, aber ich glaube, ein Gedicht ist nur dann gut, wenn es durch die tiefe, intime Innenschau zu etwas sehr Allgemeinem vorstösst. Gedichte, die reine Nabelschauen sind, finde ich persönlich total schwach. Was zum Beispiel im Deutschland der 1970er und 80er Jahre unter dem Titel «neue Subjektivität» gedichtet wurde, ist im Rückblick doch sehr, sehr dürftig. «Ich sitze in der Küche / und schaue auf die flatternde Unterhose / an der Wäscheleine / und ich fühle mich schlecht und / mache mir nochmals / ein Bier auf» – so etwas reicht einfach nicht.

 

Was würde denn reichen, was macht «gute» Lyrik aus?

Ich glaube, das Geheimnis eines guten Gedichts liegt in der Kombination von zwei Dingen. Zunächst muss es wirklich diese radikale Subjektivität oder Intimität des Sprechers geben, und die ist lokal gebunden. Es gibt einen berühmten Brief von William Carlos Williams an Ezra Pound, der Williams immer wieder aufgefordert hat, sein dröges New Jersey oder New Rutherford zu verlassen und ihm nach Paris oder London ins tolle Leben zu folgen. «Unmöglich!», hat Williams ihm darauf geantwortet und erklärt, dass man als Lyriker mit einem Ort verwachsen sein müsse. «Be local», lautete sein poetisches Credo. Das heisst: Ein Dichter und sein Gedicht brauchen eine starke lokale, regionale, subjektive Verwurzelung. Ausdrücken muss die sich dann aber in einem gewissermassen internationalen Vokabular, also in Metaphern, die überall verstanden werden können. Aus dieser Mischung von lokaler Subjektivität und internationaler Sprache ergibt sich in meinen Augen ein wirklich gutes Gedicht.

 

Wer setzt diesbezüglich heute den Standard?

Sehr gut beobachten kann man die Verquickung beispielsweise bei Tomas Tranströmer, dem Literaturnobelpreisträger von 2011. Seine Gedichte ruhen auf einem Urgrund von schwedischen Erfahrungen, von schwedischen Landschaften, schwedischen Dörfern, schwedischen Tieren – mit seiner Sprache schafft er es aber, diesen Inhalt auf eine ganz andere, übergeordnete Ebene zu heben und damit schwedische wie nichtschwedische Leser gleichermassen anzusprechen.

 

Joseph Brodsky sah die Ebene der Lyrik auch insofern als übergeordnet, als er sie als «höchstmöglichen Massstab für jedes sprachliche Unterfangen» anlegte. Was erhebt die Dichtung über andere sprachliche Formen?

Vermutlich ist es ihre Ursprünglichkeit. Man sagt ja immer, die Dichtung, gesungene, noch stark religiös beeinflusste Hymnen, sei das erste gewesen, was es an sprachlichem Kulturgut gegeben habe, in Mesopotamien bei den Sumerern. Es handelt sich also um eine uralte Tradition, die sich über 4500 Jahre weiterentwickelt hat und an die auch die heutige Poesie anknüpft. Dazu kommt aber, dass man in einem wahnsinnig guten Gedicht die Kraft der Sprache spürt wie nirgends sonst. Liest man ein vollkommenes Gedicht, etwa von Goethe, Gottfried Benn oder Ingeborg Bachmann, hat man unweigerlich das Gefühl, die Sprache habe darauf gewartet, in diesem einen Gedicht ihre volle Präsenz zu entfalten, inkarniert zu werden sozusagen. In diesen perfekten Gedichten ist der Dichter so etwas wie das Sprachrohr der Sprache, doch gelingen solche Stücke nur äusserst selten – höchstens dreimal pro Dichterleben und meistens gar nicht.

 

Sie sind nicht nur Lyriker, sondern auch Übersetzer. Wie ist ein perfektes oder zumindest gutes Gedicht, diese Mischung aus Sprachkraft, Lokalem und Allgemeinem, in eine andere Sprache zu übertragen?

Jetzt öffnen Sie natürlich eine riesige Kiste: Über das Übersetzen von Lyrik könnten wir fünf Tage lang reden.

 

Heben wir also nur ganz kurz den Deckel: Wessen Werk ist ein übersetztes Gedicht?

Grundsätzlich bin ich der Ansicht, dass ein Gedicht, wenn es nicht sehr experimentell und lettristisch ist oder zum Beispiel ausschliesslich mit den Vokalharmonien seiner Ausgangssprache spielt, durchaus übersetzbar ist, wenn auch natürlich mit Verlusten. Schaut man beispielsweise die Übersetzungen an, die Paul Celan von Ossip Mandelstam gemacht hat, kann man schon sagen: Guter Gott, das sind ja bloss noch 40 Prozent Mandelstam und
60 Prozent Celan! Da frage ich: Na und? Entscheidend ist, dass sich das Resultat toll liest, als deutsches Gedicht. Das ist es, was zählt.

 

Mit unterschiedlichen Sprachräumen kennen Sie sich aus: Vor rund 20 Jahren haben Sie einen weltumspannenden «Atlas der Poesie» herausgegeben…

…der übrigens mein erfolgreichstes Werk war: von 20 000 verkauften Exemplaren kann man ansonsten als Lyriker ja nur träumen. Der Versuch, zum ersten Mal die dichterische Produktion von Erdteilen wie Afrika, China oder Japan vorzustellen, stiess auf erfreulich grosses Interesse, und eigentlich wäre es schön, jemand würde die Arbeit fortführen und einen «Atlas II» verfassen. Ich aber werde das nicht tun, denn ich möchte nicht als Sammler in die Literaturgeschichte eingehen. (lacht)

 

Jedenfalls kennen Sie die lyrische Produktion verschiedener Lebensräume und haben, unter anderem als Diplomat, auch selber in vielen unterschiedlichen Weltgegenden gelebt. Was ist Ihnen Heimat?

Ich habe zwei Heimaten: Die eine ist die deutsche Sprache, die andere das östliche Mittelmeer.

 

Die beiden finden sich in Ihren letzten Werken kombiniert: Nachdem vor einigen Jahren ein Buch über die türkischen Prinzeninseln erschienen ist, dreht sich Ihr neuster Text um Zypern. Worin besteht der Reiz der Insel?

Insel bedeutet immer Begrenzung, und Begrenzung bedeutet, dass man sich auf das konzentrieren muss, was da ist, auf dieser jeweiligen konkreten Insel. Diese Konzentration auf die vorhandenen Elemente finde ich sehr schön; der Insel muss man sich aussetzen, und ich glaube, dass Farben, Licht und Architektur aus diesem Blickwinkel betrachtet dann eine ganz andere Rolle spielen. Am spannendsten finde ich aber eigentlich die Insulaner. Die «Eingeborenen» einer Insel sind etwas ganz Spezielles. Im Vergleich zu «Festlandleuten» sind sie viel gelassener. Und: sie feiern die besseren Feste.

 

Das wäre dann jener lokale Nährboden, der gute Gedichte entstehen lässt?

Vielleicht entspricht tatsächlich der Lebensrhythmus einer Insel mehr dem Rhythmus der Poesie, als die Festlandgepflogenheiten es tun. Wenn man auf einer Insel in Zustände gerät, die einen stark berühren – ich will jetzt nicht von «Seinsfülle» oder ähnlich grossen Worten sprechen –, dann kann es im glücklichsten Fall sein, dass sich das in einem Gedicht manifestiert. So würde ich auch meine Bücher über die Inseln am liebsten als grosse Poeme sehen: Natürlich sind sie vorab poetische Reiseberichte, doch hoffe ich eigentlich, dass man sie auch als lange Gedichte mit ein paar narrativen Passagen versteht.

 

Das letzte Buch trägt indes mit «Mein Zypern» einen recht prosaischen Titel. Wodurch unterscheidet sich «Ihr» Zypern von «nur» Zypern?

Da muss ich etwas Schreckliches gestehen: Ich mag diesen Titel überhaupt nicht. Ich hatte «Die Geckos von Bellapais» vorgeschlagen; das wäre poetischer gewesen und hätte vielleicht an den «Tiger von Eschnapur» oder andere Geschichten denken lassen – passte aber dem Verlag nicht ins Konzept. Der hat inzwischen eine ganze Reihe mit Titeln wie «Mein Capri», «Mein Mallorca» etc. veröffentlicht, und dagegen bin ich mit meinem poetischen Ansinnen einfach unterlegen.

 

Das Buch behandelt ja aber auch eher unpoetische Themen wie den politischen Konflikt um das Land. Inwiefern gehören solche Alltagsgeschäfte in die Dichtung?

Man kann von Zypern nicht sprechen, ohne über Politik zu sprechen. Die Integration dieses Aspekts bereitete mir aber einige Mühe, denn ich wollte keine politische Abhandlung schreiben und habe deshalb versucht, die Politik möglichst in Gesprächen mit Freunden und Bekannten aufzulösen. Grundsätzlich hat ein Gedicht für mich sehr wenig mit Alltag zu tun. Natürlich gibt es Lyrik, die auf genialische Weise spielerisch mit dem Alltag umgeht, in erster Linie hat sie für mich aber die Aufgabe, den Alltag zu verlassen und auf einer verschlüsselten Ebene zu grundsätzlichen Aussagen zu kommen – über das Leben, die Vergänglichkeit, die Zeit.

Das hier abgedruckte Gespräch fand anlässlich des Literaturfestivals Leukerbad 2013 statt. Wir danken der Festivalleitung für die freundliche Vermittlung.