Mit Chimären spazieren

«Michael Fehr sagt», unter diesem Titel haben wir 2013 lyrische Kaskaden eines Autors veröffentlicht, den heute die ganze Schweiz feiert, mitunter als neuen «Mundartautor». Mundartautor? «Nein. Nein. Nein», sagt Michael Fehr. Ein Gespräch über Sprachen jenseits von Schubladen – oder: ein Spaziergang mit Gotthelf, Frisch und dem Vogelfisch.

Mit Chimären spazieren
photographiert von Affolter/Savolainen

Michael, seit du deinen Roman «Simeliberg» veröffentlicht hast, redet die ganze lesende Schweiz über dich. Martin Ebel hat dich, leicht zynisch, gar schon zum «neuen Heilsbringer der Mundartszene» erkoren. Den heilsbringenden Gehalt deiner Literatur -wollen wir mal offenlassen und uns auf ihre sprachliche -Spezifität konzentrieren. In -deinem Buch, das in einem Berner «Krachen», ja im tiefsten Emmentaler «Pflotsch» spielt, webst du mundartliche Ausdrücke in ein hochdeutsches Textgefüge. Bist du damit Teil einer Mundartszene?

Nein. Nein. Nein. Ich wüsste nicht warum. Natürlich kann man das, was ich mache, als «Mundart» oder «mundartbezogene» -Literatur abtun. Damit kann man sich beruhigen, die Dinge verorten und sagen: «Dieser Jungspund hat seine Ecke dort, aus der soll er reden, wenn er ums Verrecken will – bedeutend ist aber sicher nicht, was aus ihr kommt.» Gegen diese Kategorisierung kann sich meine Literatur nicht wehren, das ist klar. Aber ich denke trotzdem: Wenn man sie wirklich liest, diese Literatur, dann merkt man, dass diese Etikettierung zu einfach ist. Denn ich pflege die Mundart nicht. Es geht mir nicht darum, mich besonders träf in einer Sprache auszudrücken, die ich zur Festivität machen will. Nie. Ich will etwas ganz anderes. Ich will in einer Sprache echt sein. Nahe bei dem sein, was ich für den richtigen Ausdruck halte. Die Sprache soll so klingen wie das Werk. Wie seine Geschichte. Das bedeutet aber nicht, dass ich berndeutsche Wörter in den Text flechte, weil die Geschichte in einem Emmentaler Krachen spielt. Es geht mir nur um den Klang, und spätestens wenn man klanglich denkt, spielt die Sprache an sich keine Rolle mehr. Dass ich Berndeutsch verwende, ist somit eigentlich nur noch Zufall.

Aber für einen Roman im Bauernmilieu eine immerhin ziemlich naheliegende Entscheidung. Max Frisch sagt: «Am Ende ist es immer das Fällige, was uns zufällt.»

Es gibt möglichere und unmöglichere Zufälle. Es ist eine kleine Wahrscheinlichkeitsrechnung: Da ich mit 0 Jahren und mit 3 und 5 und 9 Jahren Berndeutsch gesprochen habe, ist es einfach ein bisschen wahrscheinlicher, dass ich solche Wörter brauche und so eine Szenerie «bespiele», als wenn ich im Kongo zur Welt gekommen wäre. Mal abgesehen davon, dass man nicht wüsste, ob ich dann noch leben würde. Also: natürlich ist es mir naheliegender, berndeutsche anstatt chinesischer Worte zu verwenden; natürlich hat meine Sprache ihre Wurzeln dort, wo ich herkomme. Das heisst nun aber nicht, dass man den Emmentaler Krachen mit den Mitteln der chinesischen Sprache nicht genauso treffend klingen lassen könnte wie mit jenen der berndeutschen. Nur habe ich diese Mittel leider nicht zur Verfügung. Ich könnte sie mir aneignen und würde dann mit dem Chinesischen, wie jetzt mit dem Deutschen, suchen und probieren und es hoffentlich schaffen, den Klang für den Berner Krachen zu finden.

Du suchst deine Sprache also sehr aktiv. -Jeremias Gotthelf, der ebenfalls bäuerische Szenerien bespielte und stets zwischen Hochdeutsch und Mundart hin- und herwechselte, beschrieb einen umgekehrten Prozess – er suchte nicht seine Sprache, sondern wurde von ihr gefunden. Gotthelf sagt: «Eigentlich will ich nie im Dialekt schreiben und auf den ersten 20 Seiten wird man wenig davon merken, nachher werde ich dazu gezwungen, ich mag wollen oder nicht.»

Wenn man ein Weltbild hat, das ein bisschen animistischer ist als das, was gegenwärtig als selbstverständlich hingenommen wird, dann ist der Suchprozess der gleiche wie der Findungsprozess von dem, was man sucht – und umgekehrt. Wenn ich suche, werde ich gefunden. Wenn ich finde, werde ich gesucht. Ich hatte schon immer eine solche Idee von Doppelkommunikation; natürlich nicht im Zusammenhang mit Objekthaftem, Gegenständlichem, sondern mit Blick auf ein Wesen, das ich finden will. Um gefunden zu werden, muss sich mir dieses…