«Eine wirklich hübsche Begegnung»

Oder: Wie Christian Kracht die Menschen nun auch am anderen Ende der Welt sprachlos macht

Wie steht Christian Kracht zur Schweiz? Gut gemeint ist sie, die Frage. Naiv vielleicht. Und irgendwie auch fatal. Denn die Antwort wird schwierig. Der Autor schaut weg, wirkt etwas irritiert oder genervt und scheint, so gut es geht, einen Ausweg zu suchen. Er könne und wolle nicht in der Schweiz leben, sagt er. Eigentlich halte er sich immer lieber woanders auf. Afrika. Asien. Zurzeit Los Angeles. Das Publikum lacht, etwas verlegen vielleicht. Einige Deutschlernende oder Schweizfreunde wirken etwas enttäuscht. Und das ist wahrscheinlich auch gut so, denn gerade solche Ambivalenzen machen manche Identitäten aus. Bei der Buchvorstellung der englischen Übersetzung von Krachts Roman «Imperium» (Farrar, Straus and Giroux), die ich neulich im Deutschen Haus der New York University moderierte, hat diese Spannung zwischen Autor und Nation den Abend geprägt. Insofern fand ich es passenderweise etwas unpassend, als man mich bat, zu ergründen, inwiefern es dem Schweizer Schriftsteller in den kommenden Jahren gelänge, wohl noch eins «oben drauf» zu setzen. Denn das wird er sicherlich, aber eben auch als Schweizer Schriftsteller mit schwierigem Verhältnis zur Schweiz. Und zwar ganz unmittelbar schwierig, so sehr, dass ich, der phänomenal scheiternde Moderator, an einen meiner Lieblingsaphorismen von Elias Canetti denken musste: «Ich will mich so lange zerbrechen, bis ich ganz bin.»

«Eine wirklich hübsche Begegnung», kommentierte die «Süddeutsche Zeitung» unsere Zusammenkunft einige Tage später: «Der amerikanische Adorno-Experte, der sehr erfolgreich mit dem Habitus des gescheiterten Intellektuellen spielt, und der scheu tuende Schweizer Literat, der dem deutschen Sprachraum für die schöne Sprache dankt, selber dort aber unmöglich mehr leben könne.» Alles auch sehr hübsch formuliert, aber für mich, und vermutlich auch den Autor, ein kleines Trauma. Ehrlich gesagt, weiss ich nicht einmal mehr, ob es noch zu einer zweiten Frage oder Antwort gekommen ist. Nach dem «Gespräch» fragte mich Kracht, noch auf der Bühne, aber unter vier Augen, ob er mich geärgert hätte. Meine Befragung sei ihm irgendwann etwas spitz erschienen. Ich sagte: nein. Ich meinte aber, im Nachhinein, wahrscheinlich: ja. Und ich erzähle ihm jetzt als verfrühtes Geschenk zum fünfzigsten Geburtstag, den er hoffentlich im Jahr 2016 glücklich und zufrieden feiern wird, auch kurz warum: Ich wollte eigentlich mit dem Roman sprechen, nicht mit seinem Autor. Das ist mir in den Tagen danach klar geworden. Natürlich weiss ich, dass beide streng zu unterscheiden sind. Aber manchmal wird man von einem Werk viel zu sehr begeistert. Man verliebt sich geradezu in seine vielen Stimmen, in seine Bilder, wird schwach und will sich nicht mit der einen Stimme des neben einem auf der Bühne sitzenden Autors zufrieden geben. Schon gar nicht, wenn man bereits nach der ersten Frage das Gefühl hat, dass der auch viel lieber mit seinem Roman sprechen würde.

Ich besitze eine deutsche Lizenzausgabe von «Imperium», die so nie auf den Markt kam. Grosse Teile des Buches sind in der falschen Reihenfolge gedruckt. Mir fiel es zufällig in die Hände, ich liebe es für sein vermeintliches Chaos, das genau besehen gar keines ist, sondern hervorragend zum Roman passt. Das war lange bevor ich wusste, dass ich mal die Bühne mit dem Autor teilen würde, der nun zu der kleinen Gruppe von deutschsprachigen (und zu der noch viel kleineren Gruppe von Schweizer) Autoren gehört, die, wie man so schön sagt, schriftstellerischen Weltruhm erreicht haben. Ob sein neuer Roman, der im nächsten Frühjahr fertig wird, auch in dieser Liga spielt? Ich gehe sehr davon aus. 2016 wird wohl ein Kracht-Jahr. Moderatoren werden stundenlang über Fragen brüten. Sie werden schwitzen. Und Christian Kracht wird leidend lächeln, mit den Schultern zucken. Die Armen. Daher ein Rat aus meinem ehemals zum Tode verurteilten Mängelexemplar: «None of this will matter when we’re dead», sagt die Widmung auf Seite zwei. «With love, Christian.»


Eric Jarosinski
ist US-amerikanischer Germanist und betreibt den sehr erfolgreichen Twitter-Kanal «NeinQuarterly» mit dem Untertitel «A Compendium of Utopian Negation». Im Jahr 2014 besuchte er auf der «Failed Intellectual-Tour» zahlreiche Städte in Europa, den USA und in Kanada. Zuletzt von ihm erschienen: «Nein. Ein Manifest» (S. Fischer, 2015).