Falscher Hemingway

«Ein Tag, der morgens beginnt, kann nicht mehr gut werden.» – Ernest Hemingway

Falscher Hemingway

Draussen hinter den grossen Fenstern immer noch Sturm, die Zweige der Ulmen im Wind, ab und zu knallte etwas an die Scheiben, ein Ast oder ein Vogel, drinnen das müde Geklapper der Tastaturen. Keine schwarzen Vögel fielen vom Himmel. Drinnen sass ich, zuoberst im Bücherturm, in meinem Elfenbeinturm, Hölderlinturm, zuhinterst hinter den Büchern, vor mir ein leeres Blatt vor blauem Hintergrund auf dem Display. «Abwechselnd horchte ich, ob meine Schwester an der Tür sei, und dachte dann wieder an meine Arbeit», las ich bei Thomas Bernhard, «vor allem wie ich diese Arbeit beginnen werde, was der erste Satz dieser Arbeit sein wird, denn ich wusste noch immer nicht, wie dieser erste Satz lauten solle, und bevor ich nicht weiss, wie der erste Satz lautet, kann ich keine Arbeit anfangen» und so weiter. Dabei habe ich noch nicht einmal eine Schwester, der ich die Schuld geben könnte. Vielleicht dem Internet. Eine Freundin erzählte mir, sie habe nun so ein Programm, das die Verbindung kappt, ich fand zwar, sie könne ja ebenso gut den Stecker ziehen, aber kurz darauf besorgte ich mir so was. Nun hat das alles noch nicht einmal mit Alkohol zu tun, im Gegenteil, ich war stocknüchtern. Ich bräuchte irgendein Teufelselixier, einen Wunschpunsch, dabei fühlte ich mich wie in einem Film, den ich mir vor kurzem in Berlin angeschaut hatte, an einem Tag, an dem es nie hell geworden war, «mit Wachheit ist nicht zu rechnen», sagt Rainald Goetz in einer Poetikvorlesung, die ich mir auf YouTube angeschaut hatte, alles noch vor diesem Programm. «Eine Taube sitzt auf einem Zweig und denkt über das Leben nach», hiess der Film, der uns die Spezies der traurigen Scherzartikelverkäufer vorstellte. Lauter blasse dicke Menschen, weiss geschminkt, als hätte es Asche auf sie geschneit, bewegten sich wie fahle Gespenster durch die von Otto Dix gemalten Szenerien, sangen Sauflieder oder schrien ins Telefon: 

«Es freut mich zu hören, dass es euch gut geht» (was auf Schwedisch noch verzweifelter klingt). In einer der drei dargestellten kurzen Begegnungen mit dem Tod war so ein dicker blasser Mann im Selbstbedienungsrestaurant zusammengebrochen. Als ein Arzt ihn für mausetot erklärt, fällt der Blick der Kassiererin auf das Tablett des Toten, das noch an der Kasse steht, mit einem grossen Bier und einem monströs-riesigen Garnelensandwich darauf. «Was sollen wir nun damit machen, er hat es ja schon bezahlt», sagt sie und fragt laut, wer ein Bier und ein Shrimpssandwich möchte, und nach einiger Zeit löst sich einer aus dem Gemälde der starrenden Figuren im Hintergrund und sagt: «Das Bier würde ich nehmen», und holt das Bier, dessen Schaumkrone schon eingefallen ist.

Das dachten wir nachher auch und landeten in einem seltsamen türkischen Café, in dem es Cocktails zur Happy Hour für drei fünfzig gab, und ich trank einen Cocktail, der «Hemingway Special» hiess. Zwar völlig falsch, mit Gin und Grenadine statt mit Rum und mit viel zu viel Crushed Ice zubereitet, aber trotzdem unglaublich gut, eigentlich viel besser als der richtige «Hemingway», eine Art «Daiquiri», was ohnehin nicht zu diesem düsteren Tag gepasst hätte.

Ein falscher Hemingway nach dem falschen Film ist manchmal genau das Richtige, dachte ich, klappte den Laptop zu und setzte mich in die nächste Bar. Leider gab es da weder einen richtigen noch einen falschen Hemingway, aber zumindest ein Bier, frisch gezapft, mit Schaumkrone, nicht von einem Toten.

 


Hemingway Special  

4 cl weisser Rum

1 cl Maraschino

2 cl Grapefruitsaft

Saft einer halben Limette

 

Alle Zutaten im Shaker auf (Crushed) Eis schütteln und in ein vorgekühltes Cocktailglas abseihen. Mit Limettenschnitz oder -zeste dekorieren.

 


«Hemingway Special» 

4 cl Gin

3 cl Zitronensaft

1–2 cl Grenadine-Sirup

 

Alle Zutaten im Shaker auf Eis schütteln und in ein Longdrinkglas abgiessen, mit Eis oder Crushed Ice auffüllen. Mit einem Zitronenschnitz dekorieren.