Hin und Hund

Zora del Buono: Hundert Tage Amerika. Hamburg: Mare, 2011.

Damals, als Reiseberichte noch Abenteuerbücher hiessen, blieben Reiseschriftsteller zumeist zu Hause und erzählten vom Hörensagen. Oder sie starben in der Fremde, bevor sie jemand las. Sicher, es gab auch noch Mark Twain, aber die Messlatte soll hier nicht zu hoch gelegt werden. Bleiben wir auf der Erde: sie war einstmals sehr gross, weithin unbekannt – aber gefährlich. Ein Reisebericht war per se spannend, denn er erzählte von einem, der diese zumindest lang genug überlebt hatte, um ein paar Zeilen zu Papier zu bringen. Wer heute reist, um zu schreiben, noch dazu in ein Land der nördlichen Hemisphäre, muss damit rechnen, dass sein Buch von Leuten gekauft wird, die nachlesen, was sie selbst schon gesehen oder verpasst haben – um dann zu nörgeln, sie selbst wüssten es viel besser.

Reiseliteratur braucht heute einen zusätzlichen Kick, das gewisse Etwas, die Erschwerung oder Einschränkung, mit dem sich dieser eine Bericht aus der Masse der Bustouristen-Blogs heraushebt, Spleen oder Spannung verspricht und daher sogar in Buchform noch gelesen wird. Die Grundform des «zusätzlichen Kicks», von John Steinbeck erschaffen, ist der Hund. Auf seiner «Reise mit Charley» fuhr der damals 60jährige Steinbeck mit Pudel Charley durch die USA und liess die Leser teilhaben am sprunghaften Gemüt des Vierbeiners – ebenso wie an den Gemütslagen des amerikanischen Hinterlandes. Auch Jonathan Safran Foer ist in seinem Erstling «Alles ist erleuchtet» 2003 schon auf den Hund gekommen. Der kleine, aber für US-Verhältnisse erschreckend unkastrierte Windspiel-Rüde Lino setzt nun diese Tradition fort. Und sein Frauchen Zora del Buono redet in «Hundert Tage Amerika» gern und viel und sprachgewandt und lebendig darüber – mit ausdrücklichem Stolz übrigens für Linos kleine, aber feine Hoden. Zora und Lino reisen entlang der Ostküste, einem der ausgetretensten Pfade der USA. Doch es liegt weder an der Route noch an Lino, dass sich beim Lesen eine gewisse Ermüdung einstellt: unüberlesbar bleibt, dass del Buono gern in kaltem Kaffee rührt. Allerletzte jüdische Überlebende des Holocausts werden mit detektivischem Eifer aufgespürt und die Leser erfahren Überraschendes: Die Juden haben unter den Nazis furchtbar gelitten. Ebenso stolz brüstet sich del Buono mit der Enthüllung von – wer hätte das gedacht? – latentem Rassismus und bigotter Engstirnigkeit, hinterwäldlerischem Sendungsbewusstsein und selbstherrlichen Shoot-to-kill-Attitüden in der amerikanischen Gesellschaft. Diese banalen Allgemeinplätze werden aufgehübscht durch geheimnisvolle Informanten, die im Buch nur als P., E. oder J. auftauchen dürfen, weil sie sonst… – ja, was denn: als Paula oder Eve oder Jenny entlarvt würden?

Da kann der Hund namens L. noch so hormonell aufgeladen durch Vorstadtparks toben oder lechzend auf einen Hundenapf warten, er dackelt doch immer nur nebenher, wenn Frauchen sich empört. In die USA jedenfalls hätten die beiden dafür nicht reisen müssen.