«Ich weiss gar nicht, 
warum man am Klischee vorbeikommen will»
Element of Crime (David Young, Richard Pappik, Sven Regener, Jakob Ilja, v.l.n.r.), fotografiert von Charlotte Goltermann.

«Ich weiss gar nicht, 
warum man am Klischee vorbeikommen will»

Er gehört zu den erfolgreichsten Schriftstellern Deutschlands, seine Lyrics zu den besten in deutscher Sprache. Mit wem sonst sollte man also über Literatur und Musik sprechen?

Herr Regener, bei welchem Songtext sagen Sie: «Schade, dass ich das nicht war»?

«Ain’t No Sunshine When She’s Gone» von Bill Withers.

Warum ist der so gut?

Weil er nur so wenige Worte braucht und damit alles sagt. Und so gut klingt!

Bei Element of Crime schreibt ihr zuerst die Musik, der Text kommt erst danach. Das heisst ja auch: Ihr findet den Song schon gut, bevor ein Text da ist. Wird die Rolle des Songtextes für das «Gesamterlebnis Song» überschätzt?

Man kann Songtexte ebenso wenig überschätzen, wie man Gitarrenspiel oder Schlagzeug überschätzen kann. Es hängt immer davon ab, worauf man gerade achtet. Songtexte sind
musikalische Werke, Songtexte zu schreiben ist eine musikalische Handlung. Wenn man die Musik gemeinsam in einer Band entwickelt, dann ist es naheliegend, die Songtexte eher später als früher zu schreiben. Je mehr man über die Musik weiss, desto besser kann man den Text dazu entwickeln. Es würde ja auch niemand ein Gitarrensolo spielen, bevor Schlagzeug und Bass aufgenommen wurden. Es kommt beim Songtexten letztendlich darauf an, die Geschichte zu finden, die man die ganze Zeit in der Musik schon zu hören glaubte.

Wie muss ich mir Ihre Textarbeit vorstellen, wenn die Band einen neuen Song musikalisch für gut befindet: Alle sind ganz heiss darauf, das tolle neue Stück zu finalisieren, und erwarten den Text zur nächsten Bandprobe – und Sie versuchen das möglichst zu schaffen?

Genau so ist das. Aber mit Arbeit hat das nichts zu tun. Musik wird gespielt. Man probiert herum, versucht, verwirft, improvisiert, gemeinsam oder, gerade wenn es um den Text geht, dann auch zu Hause allein mit der Gitarre und der eigenen Stimme. Trinkt ein Bier dabei und macht zwischendurch auch mal einen kleinen Mittagsschlaf, die Geschirrspülmaschine an oder die Steuererklärung. Wenn dann der Text zum Lied kommt, ist das ein bisschen wie in der Endmontage eines Automobils, wenn der Motor auf die Karosserie trifft. Das hat dann eine neue Qualität und ist mehr als die Summe der einzelnen Teile. Und ja, da sind dann alle auch ganz heiss darauf!

Bei der neuen Element-of-Crime-Platte «Schafe, Monster und Mäuse» scheint den meisten Leuten (oder vielleicht: Journalisten) vor allem aufzufallen, dass viel Berlin darin vorkommt. Haben Sie nicht immer über Berlin gesungen, auch ohne wie diesmal Ku’damm, Schlesisches Tor und Co. zu nennen?

Ja und nein. Sie haben auf jeden Fall recht. Nur: Wir haben eigentlich nie «über Berlin» gesungen und tun das in dem Sinne auch auf der neuen Platte nicht: Bei uns sind Städte immer Hintergrund, Kulisse, Bühnenbild, keine handelnden Subjekte. Wenn in einem Liebeslied eine Zigarette geraucht wird, ist es ja auch kein Lied über das Rauchen.

Da haben Sie natürlich recht. Aber anders gefragt: Ist aus eigener Erfahrung oder Beobachtung zu schreiben der einzige Weg, am Klischee vorbeizukommen? 

Ich weiss gar nicht, warum man am Klischee vorbeikommen will. Das kommt mir irgendwie unfrei vor. Über so was mache ich mir keine Gedanken.

Was ist mit politischen Texten? Haben Sie nie den Drang verspürt, die Ihnen zur…