Ins Rampenlicht!

Die prominenteste Chance auf mediale Aufmerksamkeit für Schriftsteller bietet sich alljährlich im Juli in Klagenfurt, wo der Ingeborg-Bachmann-Preis vergeben wird. Hildegard Elisabeth Keller, Jurorin in der siebenköpfigen Jury, sucht Texte und macht Talenten aus der Schweiz Mut zum Mitmachen.

Ins Rampenlicht!
Hildegard Elisabeth Keller, photographiert von Thomas Züger (SRF).

Frau Keller, Sie sind einem breiten Publikum als Literatur­professorin aus dem SRF-«Literaturclub» bekannt. Weniger bekannt ist vielleicht, dass Sie seit 2009 auch Jurorin des ­Ingeborg-Bachmann-Preises in Klagenfurt sind, des renommiertesten Lesewettbewerbs in deutscher Sprache. Sie dürfen jedes Jahr Schriftsteller aus der Schweiz dorthin einladen, damit sie mit der «Konkurrenz» aus Österreich und Deutschland «um die Wette lesen».

Das stimmt. Jedes der sieben Jurymitglieder in Klagenfurt kann zwei Einladungen aussprechen, und diese beiden Autoren bzw. ihre Texte sollten dann von dem einladenden Jurymitglied verteidigt werden, wenn es vor den ORF-Kameras hoch zu und her geht.

Wie gehen Sie bezüglich der Auswahl vor?

Die Teilnahmewilligen bewerben sich per Post, die Bewerbungsfrist läuft bis zum 22. Februar. Ich rechne damit, dass ich auch dieses Jahr zwischen 200 und 250 Bewerbungen aus der ganzen Welt erhalte. Wir Juroren haben weder nationale noch andere Vorgaben für die Wahl unserer zwei Kandidaten, und diese Freiheit ist mir wichtig.

Auf was achten Sie denn als Jurorin? Haben Sie einen Kriterienkatalog für die Literatur, die Sie auswählen?

Für mich zählt allein der eingereichte Text. Er soll mich von seiner Machart her packen, sprachlich wie thematisch anrühren, er muss für mich unverwechselbar werden können, das heisst, ich muss eine Beziehung zu ihm aufbauen können, ­damit ich ihn in der Öffentlichkeit adäquat vertreten und auch verteidigen kann.

Und umgekehrt? Wie findet man seinen Weg zu Ihnen? Tritt man über Ihre Website an Sie heran, oder müssen Sie die gewählten Talente geradezu beknien, ins Scheinwerferlicht zu treten?

Die Interessierten werden auf diese Chance aufmerksam, durch Mund-zu-Mund-Propaganda, social media, das Fernsehen. Auf der Webseite der Tage der deutschsprachigen Literatur findet man die Bewerbungsformalitäten. Im übrigen ist «Klagenfurt» in der Szene natürlich bekannt. 2013 gehen wir ins 37. Jahr des Preisinstituts. Allerdings scheint mir, dass ihm nicht überall gleich viel Interesse entgegengebracht wird.

Ohne die Scheinwerfer, so hört man neuerdings öfter, also ohne Aufmerksamkeitsbewirtschaftung, komme der zeitgenössische Schriftsteller kaum mehr aus. Zoë Jenny hat mir einmal gesagt, dass die Rampenlicht-Erfahrungen in Klagenfurt für sie als junge Autorin sehr eindrücklich gewesen seien, ja sie emotional sehr mitgenommen hätten. Bereitet man Newcomer in der Schweiz gut auf dieses Ereignis vor?

Ich kann hier nur für mich selbst sprechen. Wie gesagt funktioniert Klagenfurt nach dem anwaltschaftlichen Prinzip. Deshalb fühle ich mich als einladende Jurorin auch als Anwältin der ­Autoren und ihrer Texte. Vor und während dem «Bewerb», wie die Österreicher sagen, versuche ich, «meinen» beiden Autoren, wie im Sport, als Coach zur Seite zu stehen. Deshalb unterstütze ich sie in allen relevanten Bereichen, ob das nun Fragen zu ihrem Text, zum Videoporträt, das von jedem Eingeladenen gemacht wird, oder zum Klagenfurter Betrieb und zum Wett­lesen selbst sind.

Fängt die Arbeit nach Beendigung eines Manuskriptes also überhaupt erst richtig an?

Das kann man so sagen. Dann geht es ans Vorbereiten des Liveauftritts, aber auch der multimedialen Präsenz, also Videopor-trät, TV, Internet, Printmedien …

Als Autor ist man in Klagenfurt einer direkten und öffentlichen Kritik ausgesetzt. Die Schweizer sind – und das ist für einmal nicht meine Idee, sondern fast schon ein «Bonmot», das ich an jeder Ecke höre – nicht sehr kritikfreudig. Man könnte wohl noch weiter gehen und behaupten: Die Schweiz hat keine Kritikkultur.

Sie zielen auf das oft behauptete Fehlen einer Streitkultur. Es mag schon sein, dass in der Schweiz, wie überhaupt in dichtbesiedelten Lebensräumen, die Beisshemmung zunimmt. Doch Kulturen der Kritik und ganz besonders der Selbstkritik gibt es hierzulande sehr, in allen Spielarten, auch so unbarmherzigen, dass sie das Handeln lähmen, zum Hemmschuh für die Spiel- und Risikofreude werden können.

Sie sind auch Kritikerin und kennen die Mechanismen – wie bereiten Sie Ihre Autoren auf ein möglicherweise vernichtendes Jury-Donnerwetter vor?

Voraussagen lässt sich rein gar nichts. Deshalb ist der bereits ­zitierte Sport-Coach für mich ein taugliches Rollenmodell, ­sowohl für die Arbeit an der Haltung wie auch der Technik.

Gehen wir das an einem Beispiel einmal durch. Im Jahr 2012 haben Sie Matthias Nawrat nach Klagenfurt mitgenommen, der am Literaturinstitut in Biel studiert und dann auf Anhieb den Kelag-Preis gewonnen hat…

… ja, das Rennen 2012 war ganz heiss: Nawrat hat um nur eine Stimme den Ingeborg-Bachmann-Preis verpasst, schauen Sie sich die Abstimmung online an, im Videoarchiv.

Wie sind Sie erstmals auf ihn gestossen? Wann haben Sie ihn kennengelernt?

Matthias hat sich ganz offiziell bei mir beworben, wie die ­anderen sieben Autorinnen und Autoren, die ich bisher nach Klagenfurt einladen konnte – übrigens trugen vier von ihnen ­einen Preis nach Hause. Nawrat ist ein sehr talentierter junger Mann, der so unprätentiös vor das Klagenfurter Publikum trat, als wäre das so natürlich wie das Schwimmen im Wörthersee. Dass sein starker Text «Unternehmer» beim Publikum grosse Sympathie gewann, war für mich sehr einleuchtend, denn er machte uns so souverän wie wunderbar zum Komplizen des ­geschilderten zwielichtigen Familienidylls.

Nawrat ist im Schriftdeutschen zu Hause, er hat lange in Deutschland gelebt. War das ein sprachlicher Vorteil für ihn?

Nawrat ist in Polen und Deutschland aufgewachsen, absolvierte die Schreibausbildung in Biel und lebt heute in Berlin. Solche multinationalen Lebensprofile sind heute schon fast an der ­Tagesordnung. Wie andere Weltenbürger auch sind Autorinnen und Autoren kaum mehr national zuweisbar, ihre Biographien sind diesbezüglich sehr bunt geworden.

Gute Literatur zu schreiben und diese dann gut vorzutragen, das sind zwei grundverschiedene Dinge. Ich habe häufig die Erfahrung gemacht: viele Schweizer Schriftsteller haben einen enormen Respekt vor dem öffentlichen Lesen. Und nicht wenige haben grosse Probleme damit, das Schriftdeutsche, in dem sie beim Verfassen Meister sind, bei Lesungen mit Leben zu füllen. Teilen Sie diese Einschätzung?

Ich sehe das anders. Meine Erfahrungen in Klagenfurt zeigen, dass der öffentliche Auftritt im Rampenlicht ganz stark von der Persönlichkeit geformt wird, weniger von der Muttersprache. Alle Autorinnen und Autoren bereiten sich intensiv darauf vor, ob ihre Zunge nun im Hochdeutschen Deutschlands, Österreichs oder der Schweiz heimisch ist oder ob sie eine andere Muttersprache ­haben. Das ist ja eine Extremsituation, nicht nur wegen der Jurydiskussion und der Liveübertragung im ORF und auf 3sat, sondern auch das Publikum vor Ort, im sogenannten ORF-Theater, ist gross.

Nun komme ich doch noch einmal auf die Schweizer Schriftsteller zurück. Sie sind in Klagenfurt ja nicht besonders zahlreich. Woran liegt das?

Der erste Grund liegt auf der Hand. Die Zahl der Bewerbungen aus der Schweiz – oder auch von Schweizern, die im Ausland ­leben –, die bei den Juroren eingehen, ist unverhältnismässig niedrig, sie sind also schon im Stapel der Bewerbungen, die bei mir landen, unterrepräsentiert. Jedes Jahr hoffe ich auf einen Umschlag dieser Tendenz. In der Schweiz bestand bis vor kurzem noch eine sozial auferlegte Bescheidenheitskultur, die sich aber unter der gegenwärtigen Zuwanderung langsam zu wandeln scheint.

Wo sehen Sie die tieferliegenden Ursachen dafür?

Schüchternheit? Stolz? Ein Mangel an Neugier, Expositionslust oder Wettkampflust? Indifferenz? Oder Selbstgenügsamkeit? Wie kann man das in Erfahrung bringen? Alle die, die es nicht wagen, lerne ich ja leider nicht kennen.

Wie kann man etwas an der Zurückhaltung der Autoren, gerade der Newcomer, ändern?

Es braucht mehr Spiellust, also auch Foren, die jungen Schreibenden die Möglichkeit zur Erprobung vor Publikum verschaffen. Geschichtenerzählen als soziale Erfahrung, wie beispielsweise im «Schulhausroman», einer Initiative von Richard Reich und Gerda Wurzenberger. Poetry Slams, die ich in New York ­anfangs der 90er Jahre kennenlernte, haben auch hier künstlerische Ausnahmetalente sichtbar gemacht, wie Gabriel Vetter, Simon Chen, Renato Kaiser oder Steff la Cheffe, und auch ein Pedro Lenz ist aus einem solchen Humus erwachsen. Literatur überlappt sich mit andern performativen Formen. Also wünsche ich mir in der Schweiz ein Dutzend solcher Laboratorien, in Städten wie Olten, Schaffhausen, Burgdorf, Winterthur, damit das öffentliche Erzählen, Vorlesen und Zuhören als Sozial-Kunst-Form gefestigt wird.

Da setzen wir vom «Monat» in diesem Jahr redaktionell an, Sie sind Schirmherrin unseres im Frühsommer startenden Nachwuchs-Schreibwettbewerbs TREIBHAUS mit anschliessender Lesetour durch drei Schweizer Grossstädte. Was erhoffen Sie sich davon?

Wie gesagt: mehr Offenheit und Risikofreude, die Bereitschaft zu Spiel und Ernst in einem. Wer wagt, gewinnt – ein Stück Leben und Lebendigkeit.