Karin Schneuwly: «Glück besteht aus Buchstaben»

Karin Schneuwly:
«Glück besteht aus Buchstaben»

 

Memoir – diese neue und zugleich alte Gattung erfreut sich seit einiger Zeit auch in der deutschsprachigen Literatur grossen Zuspruchs. Alt ist sie, weil das Genre in den USA schon lange (Thoreau, Emerson) eine Leitgattung bildet. Neu ist sie, weil diese besondere Art der Autobiographie vor allem in Deutschland einen Boom erlebt. Mit ihrem Debüt «Glück besteht aus Buchstaben» folgt Karin Schneuwly dem Trend.

Als Thema für ihr Memoir wählt sie ihr Leseverhalten und ihre Leseerfahrungen vom Vorschulkind bis zum Erstsemester und stösst damit auf die Frage nach dem Zusammenhang zwischen dem Bücherlesen und der Entwicklung des Ichs. Karin wächst in einem Elternhaus auf, in dem fast gar nicht gelesen wird und es ganze vier Bücher gibt, darunter ein belletristisches: «Güldramont» (Meinrad Inglins Erzählband von 1943). Sie weiss nicht, wer oder was Güldramont ist, allein der Klang fasziniert. «Lasst uns nach Güldramont gehen», sagen von nun an die Nachbarskinder, wenn sie zu ihrer selbstgebauten, abgelegenen Hütte gehen – an einen Ort, der nur ihnen gehört. Inglins Buch liest die Autorin erst Jahre später und stellt fest, dass es scheinbar um just diesen Ort geschrieben geht.

Karin Schneuwlys frühen literarischen Lebensweg säumen vierzig Pixi-Bücher (die Ausführungen dazu sind recht langatmig) sowie zahllose klassische Kinder- und Jugendbücher. In der Sekundarschule muss sie einen ersten literarischen Gipfel erklimmen: «Krieg und Frieden». Der Aufstieg erweist sich als mühsam. Oben angekommen, erfasst Karin ein berauschendes Gefühl: «Als ich diese Stellen las, nach ein paar hundert Seiten, in denen nur von gesellschaftlichen Intrigen und Kriegsverletzungen die Rede war, spürte ich, wie eine wohlige Wärme durch meinen Körper fuhr, so als hätte die Liebe nicht Natascha und Andrej, sondern mich selbst getroffen.» Dieser Bericht über die einzelnen Etappen einer literarischen Sozialisation ist unterhaltsam und aufschlussreich, die Erzählweise allerdings wirkt allzu konventionell. So werden die Episoden schlicht aneinandergereiht, ohne Tempo oder überraschende Wendungen. Bisweilen findet die Autorin einen durchaus empathischen Ton, zum Beispiel für den Einzelgänger Marek und für ihre Liebe zu ihm, so dass beider Verlorensein in der Welt der Bücher wunderbar spürbar wird.

Der Verlag ordnet das Buch in seiner Vorschau für den Buchhandel übrigens in die Warengruppe «Geschenkbuch» ein. Dies ist es sicherlich; aber es ist noch einiges mehr, gibt es doch eine Antwort auf die Frage, was das Lesen aus uns macht: glückliche Menschen.

Karin Schneuwly: Glück besteht aus Buchstaben. Zürich: Nagel & Kimche, 2017.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»