Andernfalls

Dorothee Elmiger: Schlafgänger. Köln: DuMont, 2014.

Andernfalls

Das ist der Fall: ein Mann, der vom Dach fiel; wohnhaft in der Basler Elsässerstrasse; Logistiker einer Schiffsfrachtgesellschaft, Handelswaren sein Metier. Mit ihm und über ihn sprechen eine Handvoll Menschen, die entweder eine Profession haben oder einen Namen, wenige beides. Sie sitzen beisammen, mal alle, mal nur ein paar, über mehrere Tage hinweg. Sie erzählen von ihrer eigenen Vergangenheit, aber auch von jener des Logistikers. Sie stellen ihm Fragen, ergänzen gar seine Geschichten. Und ab und an versuchen sich die Figuren daran, zu sagen – man horche auf –, was überhaupt das Thema ihrer Gespräche und damit des neuen Buches von Dorothee Elmiger sei: die Schwerkraft? der Körper? sein Wert? sein Sturz? das Problem des freien Willens? Und: ob denn wohl überhaupt von einem Thema gesprochen werden könne.

Eines, das leitmotivisch wiederkehrt, ist die Grenze: die der Schweiz und aller Länder, die nicht die Schweiz sind; die zwischen Schlaf und Wachen; die der eigenen Existenz nebst der Existenz von anderen; die zwischen der Sprache als mündlichem Kommunikationsmittel und dem Schrifttum mit seiner unsäglichen Zumutung, die Übersetzung von Eindrücken zu leisten. Dass all diese Grenzen fliessend sind, zeigt am schönsten die Erzählung der Übersetzerin, die während ihrer Überfahrt – dem Über-Setzen von Amerika nach Europa – auf dem Seeweg so gut Deutsch spricht wie nie zuvor.

Das mag nach viel Geschehen und Gemüt klingen. Für Liebhaber dieser beiden Gs ist Dorothee Elmigers Zweitling aber eher nichts. Sagen wir es offen: Die Stimmung ist nüchtern-
beklommen und die Besetzung – bis auf ein paar arg klischierte Auslandschweizer – vage. Weder die verhandelten Fragen noch die Antworten sind dabei wirklich genau auszumachen; weder der vom Dach gefallene Logistiker noch sein griechischer Chor, das Kabinett der restlichen Figuren. Die einzige Stimme, die man in diesem Gewirr mit unerwünschter Deutlichkeit vernimmt, ist jene der Autorin. Dumpf dringt ihr Klopfen an die Textoberfläche, schlägt immer dringlicher an die Bewusstseinspforte. Als taktgebender Grundtenor schwingt sie im Reden und Denken der diffusen Figuren mit und spricht durch sie vom Ungenügen der Sprache, so dass man versucht ist zu schliessen, es sei sie selbst, die an diesen Stellen zuvorderst die eigene Schreibe verhandle.

Das «Verhältnis von Fiktion und Wirklichkeit sei äusserst kompliziert», meint eine der Figuren, und sie schreibe einen Brief an ihre Eltern nicht, «weil die Dinge zu jener Zeit so augenfällig vor mir standen, dass sie weder eine Erklärung brauchten, noch in eine Ordnung gebracht werden mussten». Wir lernen: Wenn alles klar und deutlich vor einem liegt, so erübrigt sich Kommunikation. Die literarische Schnitzeljagd hinter dem «So what?», in Elmigers Erstling «Einladung an die Waghalsigen» das lesemotivierende und nie enttäuschende Moment, wird in «Schlafgänger» zum Deko-Labyrinth. Das Rätsel: unlösbar, weil zugeschüttet, begraben unter Stil- und Nichtkommunikationsblüten. Nehmen wir also an, dass die Autorin uns am Ende tatsächlich etwas mitteilen wollte, so ist sie hier schlicht gescheitert.