Kuchen & Kritik

Was der Literaturbetrieb mit seinen Kritikern macht – und umgekehrt

Der «Literaturbetrieb», liebevoll auch «Literaturkuchen» genannt, das ist die kleine Schar Menschen, die sich in irgendeiner Form an der Entstehung von Büchern beteiligen: Autoren, Agenten, Verleger,  Lektoren, Korrektoren, Schriftsetzer, Drucker, Presseverantwortliche, Kritiker… – Kritiker? Sollten diese «Gatekeeper» nicht jenseits des Betriebs darüber wachen, dass darin gute Arbeit gemacht wird? So einfach ist es leider nicht.

«Paradoxerweise fühlt sich ja fast jeder in diesem Betrieb als Aussenseiter. Er kann noch so etabliert und integriert sein. Unser Narzissmus ist beträchtlich», schreibt FREITAG-Kulturchef Michael Angele. Er hat für uns ein Betriebstagebuch geführt und festgehalten, in welch unangenehme Situationen ein vermeintlich unabhängiger Kritiker innert eines Jahres kommen kann. Etwa durch ökonomische Abhängigkeiten: «Dass es kein Zufall ist, dass in der Tessin-Reisebeilage fast alle Inserate für das Tessin werben, wird kaum jemanden erstaunen. Dass aber auch das Feuilleton nicht frei von Gegengeschäften ist, dürfte viele Leser überraschen», meint Schriftsteller Peter Stamm. Im Geflecht des kleinen Betriebs entstehen – quasi organische – Seil-, Freund- und Feindschaften, die dem mitlesenden Publikum oft gar nicht bewusst sind. «Der Autor liefert dem Leser, was ihm der Kritiker vorschreibt, und der Leser liest, was ihm der Kritiker verschreibt», so Kulturjournalist Stefan Zweifel. «Das ist: Lesen als Strafkolonie.»

Und weit weg vom idealisierten Bild, das die literaturinteressierte Öffentlichkeit vom Kuchen hat. Immerhin: Thierry Chervel, Chef des Literaturkritikportals «Perlentaucher» stellt fest, dass es Alternativen zum lethargischen «Mitspielen» gibt: «Begabte Autoren werden auch heute noch gesucht. Es bleibt die Frage, welcher Betrieb sie künftig am meisten anzieht.» Mut machen auch Kritikerinnen vom Schlage Elsbeth Pulvers. Ihr Credo? «So weit wie möglich ausserhalb bleiben: aufmerksamer Leser, allein mit einem Buch.»