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Betriebsbesichtigung

Oder: Liebevolle Annäherung

Buchladen – Antiquariat» steht in tabakbraunen Lettern auf dem senfgelben Schild. Beim Eintreten bimmelt ein Glöckchen, dann noch mal beim Schliessen der Tür, die nicht richtig schliesst. Drinnen gelbes Neonlicht, der Geruch von Tabak und Muff, auf dem Verkaufstisch ein aufgefaltetes braunes Papier mit Kornbrot und einer Tomate darauf, dahinter der Inhaber, ein Mann mit Schnauz, lesend. Um ihn herum konzentrische Halbkreise aus Buchregalen, hinten stöbert eine Frau in der Sektion waidmannsgrüner Karl-May-Bücher. Als sie den «Schut» bezahlen möchte, weigert sich der Inhaber, den Preis von 2 Euro auf 1,50 Euro zu senken. Unter dem Tisch stösst sich der Ladenhund mit einem leichten «Klong» den Kopf.

New York City, Abendessen nach dem Gastvortrag: ein abgedunkeltes Wohnzimmer, der Esstisch von einem Lichtkegel gerahmt, die Fusssohle fühlt Brotkrumen auf dem Teppich. Es folgt das Geräusch von auf Papiertellern schabendem Plastikbesteck, dann plötzlich der scharfe Knackton einer brechenden Gabel, eine genuschelte Entschuldigung. Spannung eher am anderen Tischende: die Traube älterer Literaturprofessoren lauscht festlich dem eingeflogenen Starkollegen, Spezialgebiet: Medieval Literature. Uns trennt eine verwaiste Tischmitte, darauf: unangetasteter Nüsslisalat, dann eine kleinere Gruppe schweigsamer Ehefrauen und sonstiger weiblicher Begleitung. Aus der hellen Küche der Gesprächsfetzen: «Und Sie, woran arbeiten Sie gerade?» – «Na, Dante!» Ein Professor in Tweed lehnt sich etwas zu weit nach vorn, schliesslich fällt er vornüber, der Klappstuhl schnackt hinter ihm in die Höhe.

Buchmesse. Mit Kratzefilz ausgelegte Autorenbuden, hunderte davon, wie hell eingebundene, aneinandergelehnte Zeitschriften derselben Ausgabe, darin das tausendfache, bunte Leuchten von Bucheinbänden. Geschäftsmässiges Umhertraben junger Agentinnen mit Tablet unterm Arm, interessiert gerunzelte Stirn, Fetzen gezwungener Gespräche zu iBook, Auflagenzahlen, Romaninhalten. Männliche Besucher beinahe ausschliesslich in dunklen Jacketts – Feuilletonist, Verlagsinhaber, Wichtigtuer? –, meist auch Cord (Manchester), oben Lautsprecherdurchsagen, gelegentliches Blitzlichtfunken, und an bestimmten Punkten ragen aus der dichten Menge zwei Köpfe: Autor und Moderator auf Barhockern halten Mikrophone, balancieren Sektgläser auf den Knien. Und palavern.

Vernissage im Stubenkeller am See. Der Autor im asterfarbenen Anzug stellt sein neuestes Buch vor. Sein Verlag hat den bis an die Decken mit Holz ausgelegten Festsaal gemietet, an den Wänden vom Alter grünschwarz angelaufene Ölgemälde, aus dem Restaurant nebenan dringt eine Sauerkrautfahne. Handverlesen geladene Gäste der Gemeinde in Zimtgrau (er) und Weihnachtsrot (sie). Bei einem Gespräch – «Und, haben Sie das Buch gelesen?» – «Ach, iwo, so ein Schund» – fällt der jungen Frau etwas Mayonnaisefett vom Lachshappen und landet auf dem Ärmel eines wegblickenden Herrn. In einer unauffälligen Geste wischt sie darüber. Das weisse Fleckchen wird ein milchiggrauer Fleck.

Zürich, Verlagsjubiläum. Der Geruch von auf PVC getropftem Filterkaffee, aus einem tragbaren Böxchen tönt leise Cecilia Bartoli. Im für die Festlichkeit freigemachten Besprechungsraum Angestellte, Autoren, Journalisten, Vertreter der Literaturagentur, alle gut drauf, alle gut befreundet. «Ah, der Dichter!» Der alte Mann im moosgrünen Wams beugt sich interessiert zu dem im Sessel Thronenden hinab. Ein Gespräch beginnt, irgendwo Gläserscheppern, woanders eine Frauenstimme: «Das Cover? Ja, natürlich, er hat sich doch so sehr eine Berberitze gewünscht.» Wieder woanders: «Mein Erfolgsgeheimnis? Nun: ein Mann schreibt nicht aus Nächstenliebe» – schepperndes Lachen, zwei rotwangige Zuhörerinnen lächeln betreten. Im Vorbeigehen der Dichter: «Ja, die Metapher, die ist so … die Erdbeere … Kafka schreibt drüber, diese ewigen Bilder.» Dann plötzlich siegessicher: «Meine Gedichte sind voller Metaphern.»


Sarah Pines
ist Kulturjournalistin und lebt in Palo Alto.

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Photographiert von Stefan Kubli.
Viel Rauch um…

Meine Kritiker und ich haben häufig unterschiedliche Auffassungen von Literatur. Das ist gut so. Aber zuweilen geht ersteren der Fokus auf das, was eigentlich zählt, völlig verloren. Eine Kritik der Kritik.

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