Micieli reist #01

Bern–Leukerbad: 2 Stunden, 10 Minuten

Man ist nicht allein mit grauen Haaren in den Bahn-höfen. – Hatte meine Grossmutter, meine Grossmeisterin in der Erklärung des Lebens, graue Haare? Sie hatte nur einen Zahn, so viel weiss ich. Man ist aber allein, wenn man im Zug ein Buch liest! Ich reise nach Leukerbad zu den Schweizer Schachmeisterschaften. Um einen anderen Grossmeister zu sehen: Viktor Kortschnoi. In meiner Reisetasche: ein fremdes Buch. «Vom Leben gesättigt» von Peter Angst.

«Jeweils im Herbst treffen sich sechs Männer verschiedenen Alters zum Schachspielen im Engadin», heisst es auf dem Buchdeckel. Schach ist für sie Mittel, um sich ihrer Unterschiede bewusst zu werden – und doch in die «Therapiegruppe» zu gehören. Das Buch ist vor der Abreise in meine Tasche gerutscht, will gelesen werden. Ganz selbständig. 

Halt in Spiez. Spiez ist kein Ort, sondern eine ewige Schulreise. Die eingestiegenen Japaner unterhalten sich. Ich verstehe kein Wort, aber da ist ein Ton. In Peter Angsts Roman ist es nicht die Sprache, die trägt, die tönt, die riecht, die auch Schnippchen schlägt. Sie ist bloss das Transportmittel, wie die BLS, die mich durch den Basistunnel fährt. Eine Standard-sprache, die unbewachte Übergänge hat. Es ist,
als sässen sie da, die Männer, wie die Kinder auf einer Schulreise oder wie die Schachfiguren – und stellten sich die Frage nach der richtigen Länge des Lebens. Die Antworten durcheinandergewirbelt. «So lange, bis alle Lebenstaschen voll sind»; «…so lange, wie die Lebensfreude reicht?»; «…so lange, bis das Positive in der Lebensbilanz überwiegt.» 

Ich mag es, wenn Bücher mir Sätze schenken. Sätze für eine Reise. Aber ich sollte nicht im Bus lesen: auf dem Weg von Leuk nach Leukerbad wird mir übel. Dann endlich die Ankunft: vor dem Burgerbad treffe ich eine Gruppe Männer, die das gleiche Ziel haben wie ich. Das sind sie! «In diesem Buch wird Schach gespielt», sage ich zu einem. Er nimmt es, lächelt und sagt: «Ich lese.» – Bis alle Lebenstaschen voll sind?