Micieli reist

Bern–Berlin: 8 Stunden, 8 Minuten.

Menschen, die in der Früh lachen, fallen auf. Laut lachende Menschen wirken auf viele gar bedrohlich, ja vulgär – vor allem dann, wenn alle zur Arbeit fahren. Es stellt sich die Frage: Was ist bloss mit ihnen los? Es ist 7 Uhr und ich steige lachend in den Zug von Interlaken nach Berlin. Neben den Pappbecher Kaffee lege ich ein Buch. Das Objekt, das Grund meiner vulgären Tat ist: «Roger Rightwing köppelt das feingeistige Tischgespräch» (Lenos) von Dante Andrea Franzetti.

«Um ihn herum waren alle verrückt geworden: Christoph Sünneli rast in ein Verkehrsschild und wird Sozialist. Der Korrektor Stomp verkleidet sich als Penner. Dark Vader will die AHV erhöhen. Und jetzt Mary-Lou.»

Meine Lachanfälle im ruhigen Abteil erinnern mich an die Zeit meiner Diplomarbeit über das Theater von Dario Fo. In den heiligen Hallen der Nationalbibliothek von Florenz musste Gianna mich ganz streng anschauen, damit ich nicht wegen der urkomischen Einfälle Darios loslachte. Wir wären beide rausgeworfen worden. Einmal schaffte sie es nicht – und wir flogen raus. Und verliebten uns. Franzetti ist ein genuiner Vertreter dieser Tradition, die auf die «Komödie» setzt, um gesellschaftskritische Themen zu verhandeln. Manchmal bleibt dem Leser das Lachen im Halse stecken. Ich sitze mit Roger beim Psychiater. Vor Basel Badischer Bahnhof lege ich das Buch weg. Ich will nicht ohne Selbstkontrolle sein, wenn die Grenzwacht vorbeikommt.

Ab und an mache ich Kraftkurzschlafpausen. Zum Glück weckt mich ein netter Brezelverkäufer der Deutschen Bahn. Draussen stehen schon die Windräder vor den Toren Berlins. Wie die Ritter Don Quichottes.

«Ich bin im falschen Film, das dachte er natürlich auch. Falscher Film! Aber man kann auch im falschen Film eine wichtige Rolle spielen. Was ist besser: die Nebenrolle im richtigen oder die Hauptrolle im falschen Film?» Darüber grübelnd: noch ein Nickerchen. Im sandigen Augenwinkel entdecke ich bald das Grips-Theater. Ich stecke, wieder lachend, das Buch in die Tasche und gehe Richtung Ausgang. Viel zu früh.