Pablo Haller:
«Leda»

 

Miriam Spies unterhält in Mainz seit vielen Jahren den Gonzo-Verlag. Sie bestellt ein weites Gebiet origineller Bücher, seit kurzem bepflanzt die Verlegerin ein weiteres Feld: die Reihe «Verstreute Gedichte». Die extrem günstigen Bändchen im Postkartenformat sind gebostitchte 12 bis 16 Seiten schlank. Klein, aber fein, schlicht, aber reizvoll, mehr noch: Diese Libella sind Kleinodien der Gegenkultur. Als Band IV der Reihe ist soeben «Leda» erschienen, ein Langgedicht des Luzerner Schriftstellers Pablo Haller. Ganz anders als William Butler Yeats’ Zeus im Opus magnum «Eine Vision» lässt Haller seine Leda nach dem Lustakt nicht mit «gleichgültigem Schnabel» fahren. «verlust ist der samen der poesie», schreibt er. Sein Gedicht ist eine Elegie in neun Kapiteln, ein Klagelied auf eine Liebe, die durch einen tragischen Unfall – einen Suizid? – endete und das Ich seelisch verstümmelt zurückliess. Der fürchterlichen Leere, die dieser Tod hinterlässt, verleiht er ekstatischen Ausdruck: «weisst du, dass sterne brennende gänse sind, leda? / krieger-leda, ich möchte deinen toten körper / an einen baum hängen / für die möven, die raben, weiss der geier / wie die tapfersten der alten // leda, kühl wie die erde, die dich verdaut / ich schaffte es nie, satt zu werden / an dir.» Ja, hier ist einer nicht satt geworden. Hier ist ein junges brennendes Herz, das schreit und in seinem Schrei Klage und Anklage im Versfluss verdichtet. Er ist, wie alle Liebenden, ständig auf Achse, in unaufhörlicher Fluchtbewegung fort von der eigenen Vergangenheit. Dieser Fluchtbewegung entspricht in diesem Falle auch die Schilderung komplementär-exzessiven Medikamenten- und Drogenkonsums. Stationen der Flucht sind aber nicht nur Traum und Rausch, sondern auch das ganz und gar physische Emmental, der Balkan – Hallers Leda stammt aus Sarajevo – und Istanbul. Doch «wo kann man hin, wenn man wegmuss?», fragt der Text. Nach dem Tod der Schönen kann der verlassene Geliebte seine Trauer letztlich bloss zu Papier tragen.

Pablo Hallers «Leda» folgt auf sein rebellisch sich an Brinkmann messendes Roadpoem «Südwestwärts 1&2» – und belegt so wortgewaltig wie nachhaltig, dass die Schweizer Literatur mit Pablo Haller um eine relevante Stimme reicher geworden ist.

Pablo Haller: Leda. Mainz: Gonzo, 2014.

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