SuissID

Geschäftsstelle SuissID, guten Tag! Freut mich, Herr Lampin. Selbstverständlich. Wie sieht ihr Zeitplan aus? Nächsten Donnerstag, Moment, ich schaue rasch nach … Ja, da ist noch etwas frei, 13.30 oder 15.30? 15.30, perfekt. Also normalerweise ist mit einer guten Stunde zu rechnen. Prima. Haben Sie sich schon für eine Methode entschieden? Die schmerzloseste. Ja. Verstehe. […]

Geschäftsstelle SuissID, guten Tag! Freut mich, Herr Lampin. Selbstverständlich. Wie sieht ihr Zeitplan aus? Nächsten Donnerstag, Moment, ich schaue rasch nach … Ja, da ist noch etwas frei, 13.30 oder 15.30? 15.30, perfekt. Also normalerweise ist mit einer guten Stunde zu rechnen. Prima. Haben Sie sich schon für eine Methode entschieden? Die schmerzloseste. Ja. Verstehe. Da kann ich Ihnen Gas anbieten, absolut schmerzlos – und Sie können erst noch von einem Sonderangebot profitieren. Gas haben wir diesen Monat in Aktion. Ja, klar, Gas funktioniert immer, keine Sorge! Garantie inbegriffen. Nein, die Wahl des Ortes ist Ihre Sache. Ein Innenraum, egal welcher – normalerweise machen die Leute das zu Hause, das ist persönlicher. Bezüglich des Rauminhalts des fraglichen Zimmers müssen Sie uns einen Schätzwert zukommen lassen, damit wir einen Kostenvoranschlag machen können. Ja, unser Team muss genug Gas mitbringen, damit Sie heiter und gefasst gehen können. Nein, man riecht wirklich nichts. Und wir kümmern uns auch um den Abtransport des Körpers und um die Lüftung. Natürlich, es ist wichtig, die nachbarschaftlichen Beziehungen auf angenehme Weise zu beenden. So vermeidet man schlechte Gedanken bei der Beerdigung, nicht? Sehr gut, dann nehme ich Ihre Kontaktdaten auf. Und vergessen Sie nicht, eine vollständige Liste der zu benachrichtigenden Personen zu erstellen. Die müssen Sie uns bei unserer Ankunft übergeben. Bezahlen Sie bar oder per Testament? Fünf Prozent für Vermögen bis zu einer Million; sonst nach Absprache. Genau. So machen wir’s. Bis nächsten Donnerstag. Ich wünsche Ihnen eine wunderschöne letzte Woche! Vielen Dank, dass Sie sich für unser Angebot entschieden haben.»

 

Vielen Dank, Philippe Bochart, dass Sie sich für das Interview zur Verfügung stellen. Für unsere Hörerinnen und Hörer, die Sie noch nicht kennen: Sie sind der prominente Direktor von SuissID, dieser wunderbaren Gesellschaft, deren ungebrochener Erfolg für allseitiges Erstaunen sorgt. Am besten lasse ich Sie Ihre Gesellschaft gleich selbst vorstellen: Geben Sie uns einen kurzen Einblick in die Aktivitäten von SuissID?

Gern. SuissID ist vor allem das Konzept einer sozialen Dienstleistung. Das Ziel ist ganz einfach: Wir helfen denen, die ihrem Leben ein Ende setzen wollen. Wir bieten die Möglichkeit eines Suizids mit freier Wahl von Zeitpunkt und Methode – für alle und jeden. Meine Gesellschaft stellt der Allgemeinheit die Mittel zur Verfügung – die «Tools» gewissermassen –, aber auch die wichtige Unterstützung in Rechtsfragen, etwa was die Erbfolge betrifft. Und natürlich auch unser ganzes Know-how, was das gut organisierte, reibungslose Hinscheiden angeht.

Man möchte ergänzen: ein beachtliches Know-how! Mit über 100 000 verbuchten Suiziden ist Ihre Erfahrung unschlagbar. Aber gerade angesichts des anhaltenden Erfolgs und des Wachstums Ihres Unternehmens: besteht da nicht die Gefahr, dass es irgendwann doch unpersönlich wird? Eine Art Fast Food des Todes? Suizide am Laufmeter?

Nein. Das Schöne an diesem Beruf ist ja gerade das Kennenlernen des unverwechselbaren Charakters jedes einzelnen Falles. Keiner gleicht dem anderen! Man muss sich das vorstellen wie unterschiedliche Kunstwerke, die auf dem gleichen Modell beruhen, aber von verschiedenen Künstlern geschaffen wurden.

Ein schönes Bild!

Danke. Und vor allem ein treffendes. Jeder unserer Kunden kann auf seine Weise als Künstler angesehen werden – mit seinem Stil, seinen Arbeitswerkzeugen, seiner persönlichen Palette. Jeder Fall ist einzigartig, besitzt eigenen Charakter und eigene Ansprüche, die es zu erfüllen gilt. Auch die Technik entwickelt sich ständig weiter, weswegen wir uns laufend anpassen und erneuern müssen. Täglich entstehen neue Möglichkeiten des Suizids, während die früheren – die Klassiker – immer moderner werden. Glauben Sie mir, selbst nach zweijähriger Tätigkeit machen wir immer noch Fortschritte und werden effizienter. Wenige Berufszweige können das von sich behaupten.

 

«Geschäftsstelle SuissID, hallo? Guten Tag, Herr Lampin! Einen Moment, ich rufe Ihr Dossier ab. Etwas Billigeres? Ja, die Zeiten sind hart für alle, da muss ich Ihnen recht geben. Aber Hauptsache, gesund, so sagt man doch … Also, im unteren Preissegment kann ich Ihnen die Brücke, den Strick, die Spritze oder den Schnitt durch die Schlagader anbieten. Mit einer Rasierklinge, genau. Eine Präferenz? Ganz richtig: wenn Sie nicht schwindelfrei sind, ist die Brücke keine gute Idee. Die Spritze in dem Fall auch nicht. Und zwischen Schlagader und Strick? Persönlich würde ich eher den Strick empfehlen. Ist sauberer. Ja, das Blut, das Tamtam, das wirkt gern ein wenig barbarisch. Aber es gibt Leute, die das mögen, ja. Dagegen ist der Strick edler, würde ich sagen … Die Guillotine? Apropos edel, meinen Sie? Nein, die haben wir aus dem Sortiment gestrichen. Ein weiterer Vorteil des Stricks: Sie leiden weniger. Unsere Untersuchungen haben nachgewiesen, dass diese Methode entgegen der landläufigen Meinung schmerzlos ist. Klar, man erstickt… aber das Gehirn registriert den Schmerz nicht! Ein Schnitt hingegen bleibt ein Schnitt, Sie verstehen? Es ist mit fünf bis zehn Minuten Dauer zu rechnen. In beiden Fällen bleiben Sie kurz bei Bewusstsein. Bestimmt länger, wenn Sie sich erhängen, aber dafür ersparen Sie sich den Anblick Ihres Blutes. Der Strick also? Wunderbar! Ohne Ihnen nun nahetreten zu wollen – Sie müssen mir Ihre Grösse und Ihr Gewicht verraten. Ja, wir brauchen diese Angaben, um das Modell auszuwählen, das Ihnen am besten entspricht. Der Teufel steckt im Detail, wissen Sie! Beim Datum bleiben wir aber? Perfekt. Dann noch eine gute Woche, Herr Lampin.»

 

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, in die gewerbliche Suizidhilfe einzusteigen?

Auf das Konzept von SuissID kam ich vor etwas mehr als zwei Jahren. Ich war mit meiner Frau auf dem Begräbnis eines ihrer Cousins. Er hatte sich erhängt. Seine Nachbarn haben die Leiche drei Wochen später im Keller entdeckt, als sie, alarmiert vom Geruch, nachschauen gingen. Sie fanden ihn in traurigem Zustand… Ein klassischer Fall, aber doch irgendwie verstörend, wissen Sie, was ich meine? Es gibt angenehmere Vorstellungen. Im Leichenzug unterhielten sich dann zwei Leute, wie scheusslich es sei, auf solche Art zu sterben. Sie bemühten sich zu verstehen, was ihn zu einer solchen Tat bewegt haben mochte. Nach einer Weile, daran erinnere ich mich, besprachen sie, wie sie an seiner Stelle vorgegangen wären. Sie kamen zum Schluss, dass es am einfachsten sei, seinem Leben ein Ende zu setzen, wenn man sich von jemandem helfen liesse. An diesem Gedanken studierte ich lange herum, er liess mich nicht mehr los, verstehen Sie? Ich war damals bereits Unternehmer, also immer auf der Suche nach innovativen Konzepten. Ich erinnere mich, wie ich mich in diesem Moment aus allem, was um mich herum geschah, ausklinkte. Das Begräbnis und der Leichenzug existierten für mich nicht mehr. Da war einzig und allein noch diese Idee, von der ich besessen war: «Gibt es in diesem Bereich nicht ein enormes Potenzial?» Sechs Monate später war SuissID geboren.

Offensichtlich war es die richtige Idee zur richtigen Zeit. Die Statistik spricht Bände: nach zwei Jahren SuissID ist die Anzahl Leichen, die verlassen in irgendwelchen Wohnungen gefunden werden, markant gesunken. Die Polizei hat Ihnen offiziell ihren Dank ausgesprochen…

Das ist richtig, ja. Die Fischereiverbände übrigens auch. Stellen Sie sich die Enttäuschung der Fischer vor, wenn der fette Fang sich in eine kalte, aufgedunsene Leiche verwandelt. Auch die Sirenen waren schon mal hübscher.

 

«Geschäftsstelle SuissID, hallo! Guten Tag, Herr Lampin. Gewiss, ich bin ganz Ohr. Nein, tut mir leid, man kann unsere Dienste nicht verschenken. Es handelt sich um eine rein persönliche Offerte. Wenn Sie hingegen von einem Gruppenrabatt profitieren wollen … Ja, es gibt Gruppenrabatt: Zehn Prozent weniger für jeden Zusatzkandidaten. Aber der Interessent, der sich einem Suizid anschliessen will, muss sich selber bei uns melden, mit Ihrer Kundennummer versehen, und ausdrücklich erklären, dass er sich zu Ihrem Dossier gesellt. Es muss auch zwingend die gleiche Methode sein. Sicher: der Strick kann wiederverwendet werden, noch so ein Vorteil. Sehr gut, wir erwarten den Anruf! Auf Wiederhören, Herr Lampin! Melden Sie sich ungeniert, wenn Sie weitere Fragen haben.»

 

Hatten Sie die leiseste Ahnung, dass es so gut laufen würde? Sie haben hoch gepokert, sind Pionier. Vor der Gründung von SuissID waren die Gepflogenheiten in diesem Metier ja sehr liberal, geradezu individualistisch. Jeder beging Suizid nach eigenem Gusto, ohne jegliche Vorschriften.

Der Erfolg stand nicht von vornherein fest, so viel ist klar. Jede neue Idee ist eine Herausforderung. Doch vielleicht war das Risiko bei SuissID gar nicht so gross. Wie Sie wissen, durchlief der selbstbestimmte Tod in den letzten Jahren eine ständige Entwicklung, bis er bei uns zur häufigsten Todesursache wurde. Da sagte ich mir: Die Nachfrage ist vorhanden! Da ist ein Markt! Da ist Potenzial – warum also nicht loslegen? Aber dass es so einschlagen würde, das habe ich dann doch nicht gedacht. Nie im Leben! Das war eine gewaltige Überraschung.

Ihr Unternehmen hat sich rasant entwickelt und ist in der ganzen Schweiz aktiv. Trotz seiner bescheidenen Grösse und des beschränkten Volksbestands scheint unser Land der ideale Nährboden für Ihr Geschäft zu sein. Es geht so weit, dass Sie sogar den Landesnamen «Suisse» an den Namen Ihres Unternehmens gekoppelt haben. Glauben Sie, dass die «Swissness» eine Rolle spielt bei Ihrem Erfolg?

Ganz klar, ja. Hinter «Suisse» versteckt sich vieles. Etwa die Heimat der Dienstleistungen: Tourismus, Banken, Versicherungen – das sind unsere Haupteinnahmequellen. Die Suizidhilfe gliedert sich nahtlos in diese Dienstleistungskette ein: Was wir bieten, ist ebenso nützlich…