Schicksalsfragen des Heimatromans

Was verschweigen die Berge? Was geschieht mit der Wahrheit, wenn sie vom einzigen erzählt wird, der sie überlebt hat? Wie gesetzestreu ist der Mensch, wenn er weit über dem Gesetz steht? Also, sagen wir mal, hoch auf einem Felsvorsprung in gerader Schusslinie zum umherstreifenden Sauhund, den man schon lange und am liebsten…? Was macht es […]

Was verschweigen die Berge? Was geschieht mit der Wahrheit, wenn sie vom einzigen erzählt wird, der sie überlebt hat? Wie gesetzestreu ist der Mensch, wenn er weit über dem Gesetz steht? Also, sagen wir mal, hoch auf einem Felsvorsprung in gerader Schusslinie zum umherstreifenden Sauhund, den man schon lange und am liebsten…? Was macht es mit einem Schmuggler, wenn er auf seinen Schleichwegen nicht Reis und Pasta führt, sondern von der SS verfolgte Frauen, Männer und Kinder? Wer steht für die Schweiz im Zweiten Weltkrieg? Jene, die den Judenstempel angeregt haben, oder jene, die das eigene Leben riskierten? Und was ist mit den Familien, die ihr Dach und Brot geteilt haben? Ist Profit das einzige, das im Krieg aufblüht? Was geschieht mit Erinnerung, wenn sie nicht von denen erzählt wird, die dabei waren? Ist der Heimatroman Propaganda oder Opium? Soll er erbauen oder einlullen? Warum hat er es nie zum Western geschafft? Liegt’s an den Helden? Wer wird in den Bergen überhaupt zum Helden? Ueli Steck, der die Eigernordwand hochrennt? Oder der ängstliche Stadtjunge, der das Zicklein des weinenden Mädchens vom Felssims holt? Was geschieht mit Kitsch, wenn man ihn tief in Zeitgeschichte taucht? Was, wenn der dickliche Junge nicht ein Zicklein vom Felssims rettet, sondern ein zitterndes Flüchtlingsmädchen? Wem nützt ein verkitschtes Heimatbild? Wem nützt ein verkitschtes Weltbild? Und wen kümmert das alles, wenn er auf einem einsamen Berggrat an eine Grenze stösst und einem Menschen in die Augen blickt? Was verschweigen die Berge?

Gustav Renker jedenfalls hat nicht viel verschwiegen. Über 100 Heimat- und Bergromane hat er verfasst und gehörte zu den meistgelesenen Autoren seiner Zeit. Dabei sah er in den Bergen keine idealisierte Traumwelt. Als begeistertem Kletterer und Naturfreund waren sie ihm Fluchtort vor den «ameisenlauten Städten» und Lebensraum, in dem er aufgegangen ist. Man spürt dies in seiner Sprache, die dem Genre entsprechend klar und einfach fliesst, aber bei den Bergbeschreibungen innehält und selbstvergessen zu beeindruckender Literatur wird. Dennoch waren es wohl andere Besonderheiten, die dazu führten, dass sein Roman «Schicksal am Piz Orsalia» jüngst als einziger aus der antiquarischen Versenkung gehoben und neu aufgelegt wurde. Vielleicht, weil er aus einer Zeit zu uns spricht, als die Flüchtlingsfrage in der Schweiz kein kleinliches Gejammer war. Vielleicht, weil es herrlich zu lesen ist, wenn es mit einem Meister des Oberflächlichen für einmal so richtig durchgeht. Denn unmittelbar hinter der lieblichen Bergkulisse des Tessiner Bergdorfs Bosco Gurin wüten die Nazis. Als Vergeltung für die 44 Tage währende Freiheit der Partisanenrepublik Ossola – und gewiss auch aus Ärger über die unfähigen italienischen Faschisten. Es brennen die Alpen. Derweil die braven Frauen und Männer auf der Schweizer Seite die Schmugglerware im Risotto geniessen und den Handel organisieren. Zwei pflichtbewusste Beamte bewachen die Übergänge, wo sich die Grenzen des Gesetzes und der Menschlichkeit täglich etwas mehr verschieben. Beide meinten, die Welt der Niederungen hinter sich gelassen zu haben, aber beide werden von ihr eingeholt. Der eine gar von der Liebe, die natürlich nicht sein darf. Gustav Renker weiss doch, was er seinem Genre schuldet. Die Kontroversen, sein unverhohlener Antimilitarismus, die korrupte Christensekte, all dies trägt er im reinen Klang der Heimatmelodie vor. Es rauschen die Tannen, es liebäugelt das amouröse Hüttenglück, bevor er im Schneesturm der Gefühle die Verhältnisse noch einmal mächtig durcheinanderwirbelt und die dräuende Jahrhundertlawine über seine doch nicht so abgeschiedene Welt herniederfahren lässt. Heimatland! Und Heimatdonner!


Markus Rottmann
ist freischaffender Texter in Zürich. Zuletzt sind von ihm die Bücher «Calanca – Verlassene Orte in einem Alpental» (gemeinsam mit dem Photographen Oliver Gemperle; Benteli, 2010) und «Black Island» (gemeinsam mit dem Illustrator Thomas Ott; Hammer-Verlag, 2013) erschienen.