Zur Dorfbäckerei

Über die baldige Verfertigung dieser Kolumne nachdenkend fuhr ich jüngst auf dem Rad durch mein mittelländisches Temporärdorf zur letzten in diesem rührenden Kaff noch ungeschlossenen Bäckerei, wobei ich auf halbem Weg abgelenkt wurde durch jene Baustellenampel, die mich seit Monaten emotional umtreibt, denn schwierig ist es, sich an dieser Ampel wie ein rücksichtsvoller, demokratisch denkender […]

Zur Dorfbäckerei
Urs Mannhart, photographiert von Beat Schweizer.

Über die baldige Verfertigung dieser Kolumne nachdenkend fuhr ich jüngst auf dem Rad durch mein mittelländisches Temporärdorf zur letzten in diesem rührenden Kaff noch ungeschlossenen Bäckerei, wobei ich auf halbem Weg abgelenkt wurde durch jene Baustellenampel, die mich seit Monaten emotional umtreibt, denn schwierig ist es, sich an dieser Ampel wie ein rücksichtsvoller, demokratisch denkender Bürger zu verhalten. Das Problem: halte ich pflichtschuldig an, sammeln sich hinter mir Autos, die mich, wenn das Feuer, wie die Frankophonen sagen, endlich auf Grün schaltet, nicht überholen können – drängelnd kleben sie jeweilen an meinem Hinterrad. Aber es ist mir, auf einem vierzigjährigen Engländer sitzend, kaum möglich, schneller als 25 km/h zu fahren. Lasse ich aber am grünen Feuer sämtlichen Autos den Vortritt, kann ich sicher sein, die Ampel zeigt wieder Rot, ehe ich überhaupt im Sattel bin – derart höflich mich verhaltend rückt die Bäckerei dann rasch in unerreichbare Ferne. Deswegen habe ich unlängst begonnen, das rote Feuer zu ignorieren, auf den Gegenverkehr loszupedalen und kurz vor dem ersten Wagen am Rand anzuhalten. Ist der Wagentross vorbei, verfüge ich über einen komfortablen Vorsprung auf die hinter mir wartenden Autos; mit dieser Volte gelingt es mir, mich als Radfahrer im durch Baustellen beeinträchtigten Vierradverkehr so zu verhalten, dass ich niemandes Geduld strapaziere. Gestern aber, als ich über Hagebutten und zu verfertigende Kolumnen nachdenkend zur Bäckerei fuhr, hat mich einmal mehr ein an der Ampel wartender und von mir überholter Automobilist zornerfüllt angehupt. Ich bilde mir gar ein, seinen Fluch gehört zu haben; über die rücksichtslosen Radfahrer hat er sich ausgelassen, über dieses Pack, das sich geriert, als gälten Verkehrsregeln nur für die anderen. Den Kopf schüttelnd dachte ich: «Leider ist es mir nicht möglich, dir zu erklären, dass ich, ganz altruistisch-demokratisch, das rote Ampellicht nur ignoriere, damit du diese Baustelle schneller hinter dich bringen kannst.» Viel deutlicher noch irritiert als das Angehuptwerden hat mich dann die Hagebutte, die mir auf dem Gehsteig vor der Bäckerei begegnet ist. Die knallrote Frucht mit den hübsch aufragenden Kelchblättern lag dort, obgleich weit und breit kein Hagebuttenstrauch zu sehen war. «Eine geflüchtete Hagebutte», dachte ich und klaubte die Frucht verwundert vom Asphalt. Wer sich die Mühe macht, einer Hagebutte die Haut abzuziehen, stellt rasch fest, dass er beinahe fertige Konfitüre in Händen hält – alles klebt! Leider gehören auch die Kerne weggepult, ehe man sich die Sache in den Mund schieben kann. Dort schmeckt sie dann mild süsslich; es gibt Botaniker, die behaupten, es deckten bereits 25 Gramm dieser Frucht den gesamten Tagesbedarf an Vitamin C! Aber alles, was mit Hagebutten zu tun hat, ist erheblich komplizierter als hier beschrieben. Erst einmal heisst die Pflanze, an der die Hagebutten wachsen, nicht Hagebuttenstrauch, sondern zum Beispiel Hundsrose, rosa canina. Oder Bibernellrose, rosa pimpinellifolia. Oder Filzrose, rosa tomentosa. Die Bibernellrose wird auch rosa spinossisima genannt, weil sie unglaublich viele Stacheln aufweist. Die Hundsrose wiederum sollte in einigen Regionen Österreichs aufgrund ihrer Seltenheit nicht gesammelt werden, während sie in der Schweiz sehr häufig wächst. Was das mit meiner Dorfbaustelle zu tun hat? Vordergründig nichts. Aber es hat die Schweiz an jenem Tag, als ich im Unterengadin drei Esel von der Weide geholt und Hagebutten gegessen habe, ein neues Parlament gewählt. Und seither ärgere ich mich noch ein bisschen mehr, wenn komplizierte Verhältnisse von rasch verfertigten Meinungen plattgefahren werden. Und Ihnen, liebe Leser, wird deutlich: Mit einer derart kurzen, einfach gestrickten Kolumne ist selbst den vermeintlich so banalen Hagebutten nicht beizukommen.


Urs Mannhart
ist Schriftsteller und Reportagejournalist. Zuletzt von ihm erschienen: «Bergsteigen im Flachland» (Secession, 2014). In seiner Kolumne «Kraut und rüber» bereist er die Schweiz und erzählt von Orten, Wegen und wilder Naturkulinarik.