Gipfelpanorama

Die Schweizer Literatur ohne Berge? So undenkbar wie das Wallis ohne Matterhorn! Seit je hat das Gebirge zum Schreiben animiert, den Autoren als Gegenwelt gedient, sie auf Erkundungstouren gelockt und ihre Leidenschaft geweckt. Ein Panoramablick auf einige Gipfel, die aus 400 Jahren Bergliteratur herausragen.

Gipfelpanorama
Emil Zopfi, photographiert von Marco Volken.

«Die Alpen» heisst eine deutsche Ausgabe des Werks «De Alpibus Commentarius» des Theologen und Universalgelehrten Josias Simler (1530–1576), das als erste umfassende Darstellung der Alpen gilt. In Kappel am Albis geboren, wuchs Simler vor einem Bergpanorama auf, das von der Zentral­schweiz bis ins Berner Oberland reicht. Die Kindheit im Angesicht des Gebirgs könnte ihn zu seinem Werk angeregt haben. Wie den in Burgdorf aufgewachsenen Dichter und Bergsteiger Hans Morgenthaler, der in seinem Buch «Ihr Berge» schildert, wie ihn «in oder neben dem Kinderwagen» der Anblick der ­Berge beeindruckte. «Weit, weit hinten, da, wo meine Heimat zu Ende ging, standen auf einmal – es war an einem klaren Sommerabend – die vielen, weissen Spitzchen. Ich nenn sie heute die Berner Oberländer vom Wetterhorn zur Blüemlisalp. Und von diesem Moment an blieben sie in meinem Herzen immer auf dem ersten Platz.» Auch in der Schweizer Literatur haben die Alpen ihren festen Platz, denn wo immer man lebt zwischen Schaffhausen und Chiasso, zwischen Schuls und Genf, man hat Berge vor Augen.

 

Ein Berg, ein Buch

Der Blick zu den Bergen mit Eiger, Mönch und Jungfrau am Horizont mag den Berner Gelehrten Albrecht von Haller (1708–1777) zu seiner «grossen Alpen-Reise» im Jahr 1728 verlockt haben. Sein Gedicht «Die Alpen» entwirft eine romantisch verklärte Idylle einer Welt der Schäferinnen und Hirten. Es war die revolutionäre Vision eines freien, naturnahen und selbstbestimmten Lebens. Ein Appell an die geistige Elite des Landes, den Blick aus der Schreibstube in die Höhe schweifen zu lassen, bis zum Gotthard und des «Schreckhorns kaltem Haupt» – oder selber wandernd die unbekannten Landschaften zu erkunden und darüber zu berichten.

Die geistige Entdeckung und alpinistische Erkundung der Alpen im Laufe der Aufklärung ist ohne begleitende Literatur nicht denkbar. Gut betuchte und gebildete Bürger wagten sich ab dem Ende des 18. Jahrhunderts in die Höhe, um die Einöden der Felsen und Gletscher zu erforschen, geführt von lokalen Gemsjägern, Alphirten oder Strahlern, die sich im Gebirge auskannten. Wer immer in jener Zeit einen Berg bestieg, der schrieb ein Buch. Selbst wenn er den Gipfel nicht erreichte, wie der Arzt, Botaniker und Politiker Johannes Hegetschweiler (1789–1839) aus Stäfa am Zürichsee, der mehrmals am Tödi scheiterte. Sein Bericht1 hielt Barometerstand, Pulsschlag, physikalische und chemische Messdaten fest. Er brachte Pflanzen, Steine und Wasserproben mit ins Tal. Bergsteigen war Wissenschaft, eine Bergbesteigung ein Akt der Aufklärung. Doch sind es nicht nur Fakten und Daten, was uns die frühen Alpenpioniere hinterlassen haben. Sie geben in ihren Berichten auch ihren Gefühlen Ausdruck, erklären ihre Motive, erzählen Anekdoten. Hegetschweiler schildert seine Seelennot in der Einsamkeit, seine Furcht vor dem Chaos der Fels- und Gletscherwelt.

 

Das goldene Zeitalter

Zur Zeit des Josias Simler hatten die Gipfel noch keine Namen, und kein Mensch hätte es gewagt, hinaufzuklettern. Die Furcht vor den Bergen, ihren Gefahren und den Geistern und Göttern auf ihren Höhen war verbreitet. Es ist ein merkwürdiger Zufall, dass ein Nachfahre von Simler, der Chemiker Rudolf Theodor Simler (1833–1873), 1863 zum Gründer des Schweizer Alpen-Clubs SAC wurde. Der SAC setzte sich die Erforschung und alpinistische Erschliessung der Schweizer Alpen zum Ziel. Die Berge sollten nicht den Engländern überlassen werden, die während dem «goldenen Zeitalter des Alpinismus» (1855–1865) viele der höchsten Gipfel der Schweizer Alpen «erobert» hatten – geführt von Einheimischen. Ohne literarisches Zeugnis fand eine Besteigung keine Beachtung, und so war die Erschliessung der Alpen begleitet von reger Publizistik, sei es in den Schriften des Alpen-Clubs oder in Büchern. Auch Simler beschrieb eine vermeintliche Erstbesteigung des Piz Russein, des höchsten Tödigipfels, in einem «Schriftchen»2, wie er es nennt. Ein Standardwerk aus jener Zeit sind die drei Bände zur frühen Alpingeschichte «Über Eis und Schnee» des Berner Regierungsstatthalters und Mitbegründers des SAC Gottlieb Studer (1804–1890).

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts begannen Bergsteiger auch «führerlos» Gipfel, Grate und Wände zu erklimmen, gleichzeitig etablierte sich der Beruf des Bergführers. Ein literarisches Zeugnis dieser Entwicklung ist die Autobiographie des Engadiners Christian Klucker (1853–1928) aus dem Fextal. Seine posthum erschienenen «Erinnerungen eines Bergführers» zeigen den Wandel im Verhältnis zwischen Führer und Geführten, die Klucker selbstbewusst nicht mehr «Herren», sondern «Bergfreunde» nennt. Mit illustren Gästen aus Deutschland und England gelangen ihm viele Neutouren in den Westalpen, in den Dolomiten und in Kanada. Die Erschliessung der Bergeller Granitberge führte er zum Teil mit dem russischen Baron Anton von Rydzewski durch. Klucker charakterisiert ihn als ränkesüchtig, arrogant und von bescheidenem Können am Berg. Dass er den «Russ» trotzdem immer wieder ans Seil nahm, erklärt er damit, dass sich andere kaum für sein geliebtes Bergell begeisterten. «Ein Dokument ersten Ranges in der Geschichte des Alpinismus», schreibt Ernst Jenny, Redaktor der Zeitschrift «Die Alpen» des SAC, über Kluckers Buch. Jenny gab auch die «Hochgebirgswanderungen» von Andreas Fischer (1865–1912) heraus. Der aus einer Berner Oberländer Bergführerfamilie stammende Historiker und Lehrer leitete auch Expeditionen in den Kaukasus. Er starb in einem Schneebrett am Aletschhorn, Jenny als sein Gast überlebte.

 

Wilde Kletterer werden Dichter

Der Botaniker und Geologe Hans Morgenthaler (1890–1928) brachte mit seinem Erstling «Ihr Berge» einen neuen Ton in die alpine Literatur. Die «Neue Zürcher Zeitung» lobte: «Ein eigenartiges, starkes Büchlein! Erlebnisse, aus denen man das pochende Herz des Dichters und Bergsteigers noch laut heraushört. Etwas Neues!» Morgenthaler war ein extremer Bergsteiger, der auch ein bewegtes Leben führte. Seine expressiven Miniaturen und Gedichte wirken auch heute noch frisch und aktuell. Schnell, oft atemlos, mit knappen Dialogen belebt, bleiben sie nie an der Oberfläche der Erscheinungen, sie tauchen in die Tiefe seiner Empfindungen und folgen der Spur seiner Leidenschaft. Das Buch ist auch eine Liebeserklärung an «Gritli», die Ehefrau eines Kletterfreundes und Morgenthalers letzte Lebensgefährtin vor seinem frühen Tod an Tuberkulose. Hamo, wie er sich nannte, kann als erster moderner Alpinautor der Schweiz gelten. Eine Art Antibergroman ist sein posthum erschienenes Buch «In der Stadt», in dem er die Sturmnacht am Tödi schildert, in der ihm beide Hände erfroren – ein Glanzstück von Bergprosa.

In jenen 1920er Jahren kletterte ein Pfarrerssohn aus Sirnach im Thurgau auf wilden Routen in den Glarnerbergen herum. Ludwig Hohl (1904–1980) besuchte die Kantonsschule in Frauenfeld, beschäftigte sich mit Philosophie und Literatur. In den Sommerferien wohnte er bei der Grossmutter in Netstal im Glarnerland, wo er die ersten Lebensjahre verbracht hatte. «Das Sehnen nach den Bergen, das ungeheure!», hatte ihn gepackt. «Ich glaube, ich bin doch ein Dichter», notiert er nach einer Klettertour auf den Mürtschenstock in sein Tagebuch3. Er verlässt Schule und Familie, zieht mit einer Freundin nach Frankreich und führt fortan eine prekäre Existenz als Dichter. Von schwierigen Touren im Dauphinégebirge inspiriert, skizziert er 1926 die Erzählung «Der arme Johann». Nach mehreren Überarbeitungen erscheint sie erst 1975 unter dem Titel «Bergfahrt» auf Drängen von Adolf Muschg. Die Geschichte um den Draufgänger Ull und den Zögerer Johann ist eine Parabel über die Illusion, am Berg lasse sich das Gefängnis der Welt überwinden und zur Freiheit finden. «Bergfahrt» ist ein Hauptwerk der alpinen Literatur der Schweiz und hat einige der jüngeren Autoren inspiriert, so den Schreibenden für seinen Roman «Die Wand der Sila» oder Roman Graf für den Roman «Niedergang», nominiert für den Schweizer Buchpreis 2013.

 

Politik und höchste Gipfel

Bis zur Neuausgabe durch Peter von Matt blieb Max Frischs (1911–1991) zweites Buch «Antwort aus der Stille» praktisch verschollen. Frisch hatte sich selber von seiner «Erzählung aus den Bergen» distanziert und sie aus Gesamtausgaben verbannt. Das Buch war 1937 erschienen, mitten in einer Zeit, in der Bergsteigen überaus politisiert war durch den nationalistisch angeheizten «Kampf» um die grossen Nordwände der Alpen und Himalayagipfel wie den Nanga Parbat. Bergliteratur und Bergfilme waren in jener Zeit gross in Mode, meist waren es idealisierte und national überhöhte Darstellungen der Berg- und Alpenwelt à la Louis Trenker. Bergsteiger wurden als Helden verehrt, die im «Kampf gegen den Berg» ihr Leben riskierten, siegten oder fielen wie Soldaten in der Schlacht. Ein Kämpfer in diesem Zeitgeist ist auch Frischs Protagonist, der durch eine schwierige Besteigung im Alleingang die Antwort auf Lebensfragen sucht. «Einmal muss man es wagen, die Tat oder der Tod!», hat er sich auf die Fahne geschrieben. Er muss sich zwischen einer bürgerlichen und einer künstlerischen Existenz entscheiden – und zwischen zwei Frauen. Die Geschichte ist ein spannendes Zeitdokument und widerspiegelt Frischs eigene Lebenssituation in jenen Jahren, in denen er selber lange Wanderungen im Gebirge unternahm und sich für das Architekturstudium entschied.

Ein Zeitdokument ist auch Annemarie Schwarzenbachs (1908–1942) Biographie des Expeditionsbergsteigers und Fotografen Lorenz Saladin, der 1936 nach der Drittbesteigung des Siebentausenders Khan Tengri im Tienschan tragisch ums Leben kam. «Er war von einer Idee getragen, von einem Inhalt erfüllt – von der Leidenschaft zu den Bergen», schreibt sie über den Mann, dem sie selber nie begegnet ist. «Lorenz Saladin – ein Leben für die Berge» ist akribisch recherchiert, alpinhistorisch interessant, aber auch Ausdruck ihrer eigenen Sehnsüchte. Der zielbewusste, furchtlose Arbeiter und Kommunist Saladin erscheint als Gegenbild zu der lesbischen, von Ängsten heimgesuchten und drogensüchtigen Tochter aus einer der reichsten Familien des Landes.

Weniger ideologisiert ging das Wettklettern nach dem Krieg weiter. Am 18. Mai 1956 erreichten Ernst Reiss (1920–2010) und Fritz Luchsinger den Gipfel des 8516 Meter hohen…