Im Wahn der Anstalten

Vom «Psychopathen» zu «unserem Schweizer Schriftsteller»: Wie im und ums Irrenhaus herum aus dem hoffnungslosen Fall die Literaturikone Friedrich Glauser wurde.

Im Sommer 1918 wurde Friedrich Glauser zum ersten Mal in die Irrenanstalt eingeliefert. Wegen seiner Morphiumsucht hatte er kleinere Diebstähle begangen. Als Süchtiger wurde er aber nicht ins Gefängnis gesteckt, sondern zur Begutachtung in das «Asile de Bel-Air» überwiesen. Man diagnostizierte: Glauser sei ein «Psychopath», er leide an einer «vollentwickelten Hebephrenie»1, sei «unzurechnungsfähig» und «rechtzeitig der B-ehandlung zuzuführen […], um zu verhindern, dass er in der Gesellschaft lebt». Glauser blieb nicht lange, büxte aus − nicht zum letzten Mal in seiner «Anstaltskarriere». Trotz der bedrückenden Umstände gelang es ihm schon während seiner ersten Internierung, einige Texte fort und zu Ende zu schreiben, was ihm in Freiheit kaum glückte, da er schnell wieder in das geriet, was man später «Beschaffungsstress» nennen sollte.

Die damaligen Irrenanstalten liessen gefügigen Patienten Raum für «künstlerische» Produktionen, was neben der Arbeit im Landwirtschaftsbetrieb oder – im Fall von Glauser − als Aktenabschreiber zur Beschäftigungstherapie gehörte. Immer wieder wusste Glauser ein gewisses Vertrauen und auch Respekt bei den Ärzten zu gewinnen. Später rückte er, wenn es «draussen» wieder einmal prekär wurde, mitunter «freiwillig» in die Anstalt ein. Bis zu seinem Tod wird er trotzdem insgesamt sechseinhalb Jahre in psychiatrischen Anstalten verbringen – und einen guten Teil seines Werks im engeren oder weiteren Zusammenhang mit ihnen schaffen. «Zusammenhang» meint nicht nur, dass er im geschützten Rahmen schreiben konnte, sondern dass er die Irrenanstalt selbst zum Schauplatz und Thema vieler Texte machte. Das gilt insbesondere für seinen Anstaltsroman «Matto regiert», der dem Irrenhaus ein poetisches Monument setzte.

Nachdem er im Mai 1936, nach vierjähriger ununterbrochener Internierung zunächst in Münsingen, dann in der «Waldau», wieder einmal entlassen worden war, schrieb er an seinen Vormund: «Der letzte Aufenthalt in der Waldau war eminent fruchtbar (ich sage das ohne Ironie), und ich glaube auch, dass die Romane nicht entstanden wären, wenn ich im November nicht dahin zurückgekehrt wäre.» Glauser erlebte nun so etwas wie einen Höhepunkt von so etwas wie einer Karriere. Als er mit «Wachtmeister Studer» noch aus der Anstalt heraus in Literatenkreisen und in der Öffentlichkeit Bekanntheit erlangte, die er dann mit dem in der «Waldau» verfassten «Matto» sensationsartig steigern konnte, hatte er in seiner zwanzigjährigen Schriftstellerei schon gut hundertfünfzig Erzählungen und Essays geschrieben. Die «Zürcher Illustrierte», die in den 1930er Jahren führende publikumsnahe Kulturzeitschrift, brachte 1937 den dritten in der Anstalt entstandenen Studer-Roman «Die Fieberkurve» «unseres Schweizer Autors» mit einem Bildporträt auf der Titelseite und einem Essay des Autors über die Anfänge seines Schreibens gross heraus. So sehr Glauser diesen Erfolg brauchte, um unabhängig existieren zu können, und wegen seines Selbstwertgefühls begrüsste, so sehr beargwöhnte er den Ruhm, zumal einen, den er der Einreihung in die «geistige Landesverteidigung» zu verdanken hatte.2

Glauser, den vor 1920 im internationalen Zürich und Ascona noch die «interessante» Aura des Poète maudit umgab, konnte nicht wissen, dass die sozialkritische Literaturwissenschaft der 1970er Jahre ihn wegen seiner angeblichen Antikarriere als «Anwalt» der Aussenseiter und Armen einmal mehr etikettieren würde. Zum «Spiegel der Gesellschaft» wird diese biographistische Sicht auf Glausers Werk auch heute immer…

An den Gestaden des Genfersees
Hôpital de Prangins, Haute-Rive, photographiert von Claudia Mäder.
An den Gestaden des Genfersees

Nach Prangins kommen heute bestenfalls ein paar Kulturtouristen, um das Nationalmuseum zu besuchen. Einst aber gaben sich hier internationale Literaturberühmtheiten die Klinke in die Hand – um sich oder ihre Liebsten in Dr. Forels Privatklinik behandeln zu lassen. Ein Ausflug ins Waadtland und ins Leben dreier Frauen.

Philipp Theisohn, fotografiert von Ayse Yavas.
«Der Seismograf der
literarischen Schweiz.»
Philipp Theisohn, Literaturwissenschafter,
über den «Literarischen Monat»