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Axel Helbig:
«Der eigene Ton. Gespräche mit Dichtern»

 

Stellen Sie sich vor, irgendwo in einem ruhigen, kühlen Innenhof in Ihrer Stadt oder Ihrem Dorf sässen sie alle zusammen: die Schriftsteller der Bücher, die Sie mit einem gewissen Herzklopfen unter Ausschüttung von Adrenalin gelesen haben. Sie sässen da, um sich Gedanken zu machen über ihr Schreiben und über das, was diesen, ihren ganz eigenen Ton ausmacht. Sie würden nachdenken, sich befragen, plaudern. Könnten Sie sich zurückhalten, in diesen Innenhof zu steigen und hinzuhören?

Die zwei Bände «Der eigene Ton. Gespräche mit Dichtern», die der Schriftsteller und Redaktor Axel Helbig herausgegeben hat, sind ein solch magischer Innenhof. Belebt wird er von Autorinnen und Autoren wie Herta -Müller, Reinhard Jirgl, Norbert Gstrein, Lenka -Reinerova, Ulrike Draesner, Olga Martynova und vielen mehr. Aus der Schweiz sind Ilma -Rakusa, Zsuzsanna Gahse und Catalin Dorian Florescu zum Hof-Happening gereist – und stehen alles andere als im Abseits. «Schreiben war ein taugliches Mittel geworden gegen die Einsamkeit und Trauer, die ich empfand», -erklärt Florescu seine Motivation. Dass er, wie viele Köpfe der heutigen «Weltliteratur», in zwei Sprachen lebt, empfindet er «manchmal wie ein Gleichgewicht des Schreckens».

Dank seiner profunden Kenntnis der jeweiligen Lebenswege und Werke gelingt es Helbig, die wichtigen und richtigen Fragen zu stellen. Im Innenhof gibtʼs also glücklicherweise keinen Small Talk – und wer germanistische Fachsimpelei sucht, wird die ebenfalls nicht finden. Das literarische Schreiben, könnte man sagen, entgeht der Expertise. Denn schliesslich ist der eigene Ton nichts, das sich «lernen» lässt. Helbig formuliert dies im «Gespräch über Gespräche» mit Heye Henze so: «Diesen offenen Raum über das Gespräch hin zu erhalten, scheint mir wichtig.» Das Verfahren entspricht den Werken. Mit diesem Prinzip entsteht keine vorgegaukelt-verfertigte Wirklichkeit, sondern ein «Hier und Jetzt» mit den befragten Dichtern.

Sollte nach dem Studium der Packungsbeilage zu «Der eigene Ton» dennoch die Frage auftauchen «Weshalb diese Gespräche lesen?», wäre meine Antwort ganz entschieden: «Weil durch diese Gespräche der Schein der -Literatur überwunden wird und man zu ihrem Sein gelangt.» Oder wie Zsuzsanna Gahse es formuliert: «Da man um den Satz herumgeht, wird zugleich der Raum sichtbar.»

Die beiden Bücher sind eine wunderbare Einladung, in den «Innenhof des Schreibens» zu treten. Lesen, nachdenken, verweilen, vielleicht einen inneren Dialog mit den Autorinnen und Autoren führen. Und danach endlich auch die Idee eines «spezifisch schweizerischen Tons» verwerfen.

Axel Helbig: Der eigene Ton. Gespräche mit Dichtern. Bände 1 und 2. Leipzig: Leipziger Literaturverlag, 2007/2014.

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