Brief aus dem Tessin (undici)

«Er war ein normaler Mann, wie die anderen wohl, / und schön, unser Bruno. Der Anfang ist hier / und jetzt: die gewöhnliche Geschichte eines normalen Mannes / in Nachkriegsjahren des Hungers / und des Kummers.» So lautet der gelungene Anfang des neuen, vom Publikum ungeduldig erwarteten Versromans von Fabiano Alborghetti. Nach dem wunderbar lebhaften […]

«Er war ein normaler Mann, wie die anderen wohl, / und schön, unser Bruno. Der Anfang ist hier / und jetzt: die gewöhnliche Geschichte eines normalen Mannes / in Nachkriegsjahren des Hungers / und des Kummers.»

So lautet der gelungene Anfang des neuen, vom Publikum ungeduldig erwarteten Versromans von Fabiano Alborghetti. Nach dem wunderbar lebhaften «Registro dei fragili» (Casagrande, 2009) und der Suite «Supernova» (L’arcolaio) legt der im Tessin sehr bekannte Literaturkritiker und Lyriker Alborghetti nun seinen neuen Band «Maiser. L’uomo del mais» (Marcos y Marcos) vor. Das eindringliche Buch erzählt die Geschichte eines italienischen Arbeiters, der in den frühen 1950er Jahren in die Schweiz emigriert. Ein regelrechtes Epos, das die Grenzen und Schwächen der damaligen Schweiz aufzeigt und die Ungerechtigkeiten ans Licht bringt, die viele der hauptsächlich italienischen Gastarbeiter erfahren mussten.

Um dieselbe Thematik dreht sich auch das wunderbare und ergreifende Buch «Cielo di stelle» von Erminio Ferrari, das vor kurzem bei Casagrande erschienen ist (der Titel geht auf «Miniera» zurück, ein Lied aus dem Jahr 1927 über den tragischen Tod eines Minenarbeiters, das unter anderem von Luciano Tajoli, Claudio Villa, Milva und Gigliola Cinquetti interpretiert wurde). Das Buch erzählt mittels sorgfältiger Rekonstruktionen und präziser Zeugenberichte von einem der schlimmsten Arbeitsunfälle des Tessins. Siebzehn Männer – fünfzehn italienische Minenarbeiter und zwei Schweizer Feuerwehrmänner – verloren damals ihr Leben.

Gern weise ich auch auf einen neuen Erzählband der meisterhaften Schriftstellerin Anna Felder hin. «Liquida» (Opera Nuova) ist eine Sammlung von siebenundzwanzig unveröffentlichten oder überarbeiteten poetischen Erzählungen, in deren Mittelpunkt Gegenstände, Wahrnehmungen, Personen, die Reihenfolge und der Rhythmus von Wörtern stehen. Sehr lesenswert.


Andrea Bianchetti ist Dichter und arbeitet als Kritiker für RSI (Rete due). Er ist auch -Redaktor der Literaturzeitschrift «Cenobio» und lehrt Italienische -Literatur an verschiedenen Tessiner Gymnasien.


Aus dem Italienischen übersetzt von Barbara Sauser.